Das Schwimmbad am Schloßteich

Bis zu der Zeit, in welcher das Baden im Freien wieder möglich wird, möchte ich Euch ein wenig in die Geschichte der Chemnitzer Badeanstalten einführen.

Seit 1809 gab es mit „Peters Bad“ die erste hauptberuflich betriebene Wasch- und Badeanstalt in der Nikolai-Straße, die jetzige Zwickauer Straße. Diesen Herrn und sein Etablissement stelle ich in einem separaten Artikel vor. Ihm folgten in den nächsten Jahren einige Versuche, an der Chemnitz in den Sommermonaten, sogenannte Flußbäder zu betreiben. Ein interessantes Thema, das auch noch ausführlicher betrachtet wird.

Dem einflußreichen Turnlehrer Weigand ist es zu verdanken, das bald auch unter Anleitung desselben, eine Badeanstalt im Freien eröffnet werden konnte. Er machte sich zudem in unserer Stadt mit der Verbreitung des Turnsports – damals zusammengefaßt unter diesem Begriff die Körperertüchtigung in vielen Bereichen – sehr verdient. Am 22. Mai 1864 erfuhren die Leser des „Chemnitzer Tageblatt und Anzeiger”, dass am Schlossteich die erste öffentliche Badeeinrichtung, die “Weigand´sche Bade- und Schwimmanstalt” eröffnet wurde. Sie befand sich noch an der Mündung des zufließenden Pleißebaches. Natürlich war das nur eine temporäre Angelegenheit.

Anfang der 1870er Jahre beschäftigte sich der Stadtrat mit der Errichtung eines öffentlichen Flußbades, welches der ärmeren Bevölkerung zur Benutzung gestellt werden sollte. Die vorgelegten Projekte, welche teils Massivbau, teils schwimmende Bäder im Schloßteich im Auge hatten, scheiterten an der Höhe der Kostenvoranschläge und gelangten nicht zur Ausführung. Bis im Jahre 1874 die Baudeputation dem Rat empfahl, in der Stadt mehrere kleine Volksbadeanstalten zu errichten, und gleichzeitig als Versuchsbau ein Projekt in Holz für die Gegend um den Schloßteich vorgelegt, welches bei den städtischen Kollegien Genehmigung fand. Der Bau wurde am 3.Mai 1875 begonnen und das Bad am 23. Juni bereits dem Publikum zur Benutzung übergeben. Der Bauaufwand betrug 9.012 Mark. Das Bad enthielt ein Bassin, für das Teichwasser verwendet wurde, und daneben mehrere Zellen.

Um in den niederen Volksklassen die Badelust zu fördern und auch dem Unbemittelten Gelegenheit zum Baden zu gewähren, wurde das Bassinbad unentgeltlich zur Verfügung gestellt, nur für die Zellenbäder war es dem Bademeister erlaubt, eine Gebühr von 10 Pf. zu erheben. Bereits im 1. Jahr wurden 17.749 Personen an nur 97 Tagen gezählt. Ende September schloß das Bad. Für die Unterhaltung des Sommerbades wurden nur 168 Mark von der Stadt verausgabt.

Im Frühjahr 1879 wurde ein Anbau mit 6 besonderen Frauenbadezellen errichtet, der rechtzeitig zu Beginn der Badesaison ab 1.Juni 1879 benutzt werden konnte. Trotz eines kalten Julis und September besuchten in diesem Jahr 9.906 Personen das Bad, davon waren es aber nur 304 Frauen!

1884 wird das Bad von fast 20.000 Chemnitzer besucht, Es wird erstmals in Frage gestellt, ob es für die Bevölkerung auf Grund des gestiegenen Badebedürfnisses ausreichend ist.

In Folge der zunehmenden Bebauung um den Schloßteich und der zahlreichen Benutzung des Freibades erschien es notwendig, der Frage der Verlegung und Vergrößerung näher zu treten. Ende 1889 wurde vom städtischen Badausschuß ein Antrag an die Städtischen Kollegien eingebracht und vom Stadtrat bewilligt. Im selben Jahr wurden fast 14.000 Gäste gezählt.

1890 wurde an der verlängerten Müllerstraße auf einem freien mit großen Bäumen bewachsenen Platz das neue Stadtbad errichtet, das alte Bad im gleichen Jahr abgerissen.

Das neue Bad wurde für die Benutzung für beide Geschlechter in 2 Abteilungen, mit getrennten Eingängen angelegt. Das Herrenbecken maß 25 x 12m, das Damenbecken 12 x 11m und waren bis zu 2m tief. Laut Aushang musste sich vor Benutzung zuerst selbst gereinigt werden, im Waschraum gab es dafür extra jeweils 3 „Douchen“.

Das benötigte Wasser wurde dem Schloßteich entnommen und nach erfolgter Reinigung durch Sandfilter in Eisenrohren in die Bäder geleitet. Das gebrauchte Wasser floß in den Mühlgraben zurück, das Schmutzwasser in die Straßenschleuse.

Die äußeren Umfassungen und die Trennwand zwischen den Abteilungen wurden in Ziegelbauweise ausgeführt, alles andere in Holz, das mit Kalk- teils mit Ölfarbe gestrichen wurde. Insgesamt 32 x 38m maß das Badegebäude. Es gab Ankleide,- und Badezellen und einen langen offenen Auskleidebereich. Für 5 Pf. konnte man das Bassin benutzen, 20 Pf. kostete eine Badezelle, 10 Pf. eine Auskleidezelle.

Am 14.September 1891 fand das erste Preis-Wettschwimmen in Chemnitz auf Anregung einiger Herren statt, eine Runde von 54 m mußte so oft wie möglich umschwommen werden, Hauptpreis eine silberdurchwirkte Badehose mit Namen bestickt. Vielleicht waren es dieselben Herren, die 1892 den Schwimmklub Chemnitz e.V. gründeten?

Das Bad wurde sehr gut angenommen, 1896 besuchten in der Zeit vom 30.Mai bis 15 September 53.681 Personen (38.328 Männer/15.353 Frauen), davon 15.967 Schulkinder, die umsonst baden durften. In den Zellen badeten 1.327 Personen.

Heutige Einordnung im Schrägluftbild – links das Gebäude der AOK – auch sind noch Reste des Mühlgrabens, der in die Chemnitz mündete, an der Brücke Hauboldstraße erkennbar

1898 waren es insgesamt schon 62.725 Personen, in der Zeit vom 21.Mai bis 15.September, Kosten wurden 9.017 Mark in Rechnung gestellt, so für den Bademeister 1.465 Mark, der auch Schwimmunterricht für unbemittelte Schüler gab und über 7.000 Mark für Bauaufwendungen, wie wir aus den Verwaltungsberichten erfahren. Geöffnet waren die Bäder ab 6.00 bis 13.30 Uhr und von 14.30 bis 21.00 Uhr abends.

1910 wurden schon über 110.000 Besucher gezählt.

Bis zum Jahre 1937 wurde das Städtische Sommerschwimmbad, postalisch Hauboldstraße 3a, ab 1916 dann Müllerstraße 33, betrieben. Die neuen Schwimmanlagen, die zahlreichen Freibäder, wie auch das 1935 fertiggestellte Stadtbad in unmittelbarer Nähe, machten dieses kleine Bad überflüssig.

Aber auch die stetige Erweiterung des Kraftwerkes an der Nordstraße machte wohl die Betreibung nicht mehr möglich.

(Quellen: Städtische Verwaltungsberichte ab 1875, Sächs. Landesanzeiger, Chemnitzer Generalanzeiger zu finden unter SLUB-Dresden.de; Festschrift des BDI Chemnitz 1898 u.a.)