Pünktlich zur ersten Auffahrt 1895 war er fertig, der bis dahin größte je in Sachsen hergestellte Ballon. Richard Feller hatte die Wintermonate genutzt, einen neuen Riesenballon mit einem Inhalt von 1500 m³ herzustellen, den er am 10.April dem im März neugegründeten „Verein zur Förderung der Luftschifffahrt in Sachsen“ mit Sitz in Chemnitz übergab. Bisher waren nur bis 650m³ große Ballons in seiner Leipziger Werkstatt entstanden. 1890 nutze er „Leipzig“, ab 1893 „Carola“ und jetzt hatte er sich an dieses gewaltige Projekt gewagt.

„Der Riesenballon hat eine Länge von 22,60m und einen Umfang von 45 Meter. Der Ballon dessen Oberfläche 650 Quadratmeter umfaßt, ist aus 40 Bahnen zusammengesetzt, die in der Mitte 1,13m Breite haben. Zur Füllung des Ballons gehören 1500 Kubikmeter Leuchtgas und sein Gesamtgewicht mit Gondel, Anker und Ankertau beträgt 8 Centner, bei 19 Centnern Tragfähigkeit.“ (Dresdner Nachrichten 31.03.1895)

Kurz vor der geplanten Auffahrt zu Ostern 1895 erhielt der Vorsitzende Paul Spiegel mittels Schreiben vom Ministerium des königlichen Hauses die Mitteilung, daß seine Majestät der König auf erstatteten Vortrag genehmigt hat, dem „im vaterländischen Interesse zur Förderung der Luftschifffahrt dienenden“ neuen, großen Ballon den Namen „Wettin“ beizulegen. So konnte die erste Auffahrt unter glücklichen Vorzeichen starten.

Die Presse in ganz Sachsen wies auf dieses Ereignis hin und lockte damit eine ungeheure Menschenmenge in den Chemnitzer Lindengarten. An dieser Auffahrt, die meteorologischen Zwecken dienen sollte, beteiligten sich neben dem Führer des Ballons Richard Feller, ein Beamter des Meteorologischen Instituts Herrmann Seifert, Paul Spiegel und Fellers Assistent Otto Zieger. Die Füllung des Ballons, die 12 Stunden in Anspruch nahm, ging problemlos von statten. Kurz vor 4 Uhr nachmittags erhielten die haltenden Kameraden der Turnerfeuerwehr und der 1.Compagnie Befehl, den Ballon, der u.a. mit Fotoapparaten und Instrumenten zur wissenschaftlichen Beobachtung ausgestattet war, den Lüften preiszugeben. Der Ballon nahm seinen Kurs nach NNW und erreichte während seiner Fahrt eine Höhe von 4450 m Höhe bei -7° C. Nach einer 3 Stunden 10 Minuten währenden Fahrt landete der Ballon glatt bei Kulmbach in Bayern. Natürlich musste jetzt auf Grund der Größe des Ballons auch eine längere Zeit einkalkuliert werden, nach der Landung den mächtigen Korb und die riesige Ballonhülle sicher zu verpacken. Die Entleerung des Ballons selbst dauerte 1,5 Stunden, ehe die nächtliche Rückreise nach Chemnitz angetreten werden konnte.

Zeitgleich hatte wohl Paul Spiegel seinen ersten, den Rekognoszierungsballon „Chemnitz“ gebaut, der ebenfalls am zweiten Osterfeiertag zu seiner ersten Luftreise abhob. Er nahm selbst im Korb des 400 Kubikmeter Leuchtgas fassenden kugelförmigen Ballon Platz, um die Probefahrt auszuführen. Dieser Ballon sollte später zu Erkundungs- und Beobachtungsfahrten Verwendung finden. Die Fahrt ging ebenfalls glatt von statten, er landete bei Glauchau. Mehr ist leider nicht bekannt.

Bereits am nächsten Sonntag fand die 2. wissenschaftliche Ballonauffahrt, ebenfalls vom „Gasthaus zur Linde“ am Neustädter Markt in Chemnitz aus, mit 5 Insassen statt. Bereits 4 Uhr früh wurde mit der Füllung des Ballons begonnen, nachmittags 5 Uhr stand er zur Abfahrt bereit. Während der anderthalbstündigen Fahrt wurden durch Herrn Max Metzner vom königl. meteorologischen Institut ca. 40 Notizen gemacht. Der Ballon landete mit seinen Insassen bei Grünberg (Schellenberg) und hatte eine Höhe von 2810 m bei 0,5 Grad Kälte erreicht.

Die geplante 3. Frühjahrsauffahrt am 28.04. musste wetterbedingt ausfallen, in Zeitungen lesen wir von ergiebigen Niederschlägen und Gewittern. Weiter ging es mit 2 Auffahrten des Ballons „Wettin“ im Mai 1895 in Dresden, Startpunkt war jeweils der Zoologische Garten, bis zu 20.000!!  Zuschauer verfolgten dort die Starts des Riesenballons. Im Juli finden wir Annoncen von erstmaligen Wettfahrten der Ballone „Chemnitz“ und „Carola“ abermals in Dresden. Am 14. Juli noch auf Grund des stürmischen Wetters abgesagt, fahren die beiden Ballons am 21. Juli 1895 gleichzeitig über die Dresdner Heide bis nach Hoyerswerda (Carola) bzw. Kamenz (Chemnitz).

Am 1. September hatte das Chemnitzer Publikum wieder die Möglichkeit, einen Ballon am Himmel zu bestaunen. Anläßlich der Sedanfeier (Siegesjubiläum der Schlacht im Deutsch-französischen Krieg 1870/71) stieg der Ballon „Carola“ unter Führung von Richard Feller vom Gasthaus zur Linde auf. Dem folgten weitere Aufstiege am 2. September (die Fahrt ging in 45 Minuten bis nach Auerswalde) und am 8. September (Einstündige Fahrt bis auf Großolbersdorfer Flur bei Wolkenstein). Am 22.September wurde die Ballonwettfahrt vom Juli in Dresden wiederholt.

Ballon „Carola“ rechts und „Chemnitz“ links

Am 29.September 1895 kamen auch die Chemnitzer in den Genuß, erstmalig dieses Ballonwettrennen zu verfolgen. Großes Aufsehen erregte diese Veranstaltung, tausende Zuschauer hatten sich wieder im Garten der Linde eingefunden. Die Füllung der Ballons hatte 9 Uhr früh begonnen, kurz nach 5 Uhr nachmittags stiegen Richard Feller und Zuckerwarenfabrikant Eugen Göhler in die Gondel des Ballons „Carola“ und Otto Zieger in die des Ballons „Chemnitz“. Beide Luftschiffer bemühten sich, die Ballons in gleicher Strömung, Höhe und Schnelligkeit zu halten. Nach einstündiger Fahrt landeten beide fast zusammen bei Hohenstein auf gleicher Flur. Ballon „Chemnitz“ erreichte mit 2800m die größte Höhe und trug damit den Sieg davon, während der Ballon  „Carola“ 2400m erreichte.

Anfang Oktober finden wir noch 2 Annoncen zu den Feierlichkeiten zum 10jährigen Ballonfahrerjubiläum Richard Fellers, die Auffahrten wurden aber witterungsbedingt nicht ausgeführt.

Der „Verein zur Förderung der Luftschiffahrt in Sachsen“ mit Sitz in Chemnitz hatte ein ereignisreiches Jahr hinter sich. Verfolgen Sie gemeinsam mit mir die weiteren Jahre in den kommenden Artikeln.

(Quellen: Div. Ausgaben des Chemnitzer Tageblattes und der Dresdner Nachrichten April-Okt 1895 – zu finden unter SLUB-Dresden.de)

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