Der Stausee Oberrabenstein in waldreicher Peripherie der Stadt Chemnitz, der in der Stadt und Umgebung auch als Stausee Rabenstein bekannt ist, blickt auf eine eindrucksvolle Entwicklung zurück.
Was den meisten jedoch nicht bekannt ist, ist die Entstehungsgeschichte dieses beliebten Freizeitareals in landschaftlich reizvoller Lage. Ein beeindruckendes Beispiel für regionale Initiative und Zusammenarbeit in der DDR-Zeit ist die Verwandlung von zwei kleinen Teichen zu einem der bedeutendsten Naherholungsgebiete der Region.
Die Geburtsstunde des Projekts schlug im Jahr 1970. Die Idee für ein großzügiges Naherholungszentrum ging auf die beiden Rabensteiner Urgesteine Lothar Müller, damals Bademeister im Sommerbad, und seinen Freund Heinz Neubert zurück. Ihr Konzept sah vor, die Landschaft rund um den Schwarzen Teich und den Semmteich grundlegend umzugestalten. Geplant waren ein großer Badeteich, ein Campingplatz, eine Bungalowsiedlung sowie ein angrenzendes Wildgatter im Wald.
Der Rat der Stadt Karl-Marx-Stadt griff die Initiative auf und beschloss noch im selben Jahr die Umsetzung. Im Zuge der sogenannten territorialen Rationalisierung schlossen sich rund 40 örtliche Betriebe zu einer Interessengemeinschaft zusammen, um das Vorhaben finanziell und logistisch zu tragen. Die Projektierung übernahm die im benachbarten Siegmar ansässige Uran-Bergbaugesellschaft SDAG Wismut, während der Spezialbetrieb Bau- und Montagebetrieb 17 aus Ronneburg mit der Ausführung beauftragt wurde.
Die tiefgreifenden Bauarbeiten begannen im Herbst 1970. Bäume wurden gefällt, das Wasser der Altteiche abgelassen und der Damm zwischen den Teichen abgebaggert, um den Grund zu vertiefen. Um das künftige Stauvolumen zu sichern, nutzte man die Zuläufe des Tränk- und des Eisenbachs. Diese sicherten früher die Wasserzufuhr für das aus dem alten Golfbad hervorgegangene und beliebte Sommerbad. Deshalb musste eine neue Zuleitung für das Bad gebaut werden.
Der Bau des Hauptdamms stellte eine technische Meisterleistung dar: In nur fünf Monaten Bauzeit entstand im Jahr 1972 ein Damm von 12,5 Metern Höhe, 5 Metern Breite und einer Dammkronenlänge von 124 Metern. Dafür mussten gewaltige Mengen von 23.000 Kubikmetern Gestein und 9.000 Kubikmetern Lehm bewegt werden. Der Aushub des großen Staubeckens wurde zum Auffüllen der 1951 stillgelegten Bahnstrecke Wüstenbrand – Limbach u.a. an der „Eselsbrücke“ genutzt.
Der erste Probestau im Herbst 1972 verlief jedoch nicht ohne Dämpfer. Im Frühjahr 1973 traten auf der Liegewiese unerwartet kleine Wasserfontänen aus. Das Problem lag nicht im Damm selbst, sondern im durchlässigen Glimmerschieferboden der Umgebung sowie in alten hölzernen Wasserleitungen. Um das Staubecken dauerhaft abzudichten, musste nach einer Baupause eine 40 bis 60 cm dicke Schicht aus tonhaltigem Lehm aus dem benachbarten Ort Kändler eingebracht werden. Dieser Aufwand zahlte sich aus: Nach dem zweiten Anstauen im Herbst 1975 erwies sich das Becken im Frühjahr 1976 als vollkommen dicht.
Postkarten zeigen die vielfältige Infrastruktur und das Badevergnügen im und am Stausee
Am 8. Mai 1976 wurde der Stausee Oberrabenstein im Rahmen eines großen Volksfestes, unter anderem mit einem Auftritt der berühmten „Hochseilgruppe Gebrüder Weisheit“, feierlich eröffnet. Den Besuchern bot sich ein beeindruckendes Areal mit einer Wasserfläche 6,5 ha auf 550 Metern Länge und 170 Metern Breite. Ein rund 350 Meter langer Sandstrand, ausgedehnte Liegewiesen, ein Bootsverleih mit Ruderbooten und Wassertretern sowie ein Mehrzweckgebäude mit Sanitär- und Umkleidebereichen prägten das Bild. Ergänzt wurde der Komplex durch ein bereits 1973 eröffnete 40 Hektar großes Wildgatter, den Campingplatz sowie 90 Werksbungalows für die arbeitende Bevölkerung. Seit 1973 sorgte auch der Karl-Marx-Städter Nahverkehr für eine regelmäßige Busverbindung, die zunächst nur stündlich und am Wochenende in das herrlich gelegene Stück Natur führte.

In den folgenden Jahrzehnten passte sich das Gelände stetig an die moderneren Freizeitbedürfnisse an. Ein großer Parkplatz entstand, die Freizeitanlagen wurden unter anderem um moderne Wasserrutschen, einem Turm für die Rettungsschwimmer, Volleyballplätze, Großschach, Spielplätze, Minigolfanlage, Tischtennisplatten u.a. erweitert.
Im Jahr 2001 ging der Stausee Oberrabenstein vom Sportamt an die „Eissport- und Freizeit GmbH Chemnitz“ über, die ihn bis heute betreibt. Jährlich beginnt am 1. Mai die Badesaison am Stausee, die Tausende Besucher in die idyllische Umgebung des Rabensteiner Waldes lockt.
Gleichzeitig wandelte sich der Stausee zu einem vielseitigen Veranstaltungsort mit überregionaler Strahlkraft. Von 1999 bis 2006 fand hier das namhafte Hip-Hop-Festival splash! statt, gefolgt vom Kosmonaut-Festival, das zwischen 2013 und 2019 auf dem Stauseegelände veranstaltet wurde. Heute bildet das Areal zusammen mit dem benachbarten Kletterwald und Sportevents wie dem 24-Stunden-Mountainbikerennen Heavy 24 oder dem Stauseelauf ein festes Zentrum für Erholung, Sport und Kultur in der Region.
Weiter aktuelle Informationen unter https://stausee-rabenstein.de/
Quellen u.a.: Bericht in der Berliner Zeitung vom 7. Februar 1976; Rabensteiner Blätter, Heft 11/2023, 05/2014 und 05/2020; Bilder aus der Sammlung Chemnitzer Hobbyhistoriker