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August Hübsch – Möbelstoffe

    Aus der alten Chemnitzer Tuch- und Kattunweberei entwickelte sich Ende der zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts die Möbelstoffweberei. Auf der Leipziger Messe wurden damals Chemnitzer Fabrikanten nach diesen Stoffen gefragt. Mit Einführung mech. Webstühle Ende der vierziger Jahre durch Robert Hösel, und der Schönherrschen Webstühle ab 1852 war die Expansion dieser Industrie nicht mehr aufzuhalten. Neben der Firma IRDEL, REBLING & JÄHNIG war das Chemnitzer Unternehmen

    August Hübsch – Möbelstofffabrikation

    ein wesentlicher Repräsentant dieses Webereizweiges. Deren Firmengeschichte stellt in diesem Artikel Edeltraud Höfer (Stadtführung Chemnitz), ergänzt mit meinen Anmerkungen, vor.

    Das Geschäft wurde 1857 als Firma Hübsch & Rümmler gegründet. Im Adressbuch der Fabrik- und Handelsstadt Chemnitz des Jahres 1858 findet sich allerdings zunächst nur ein Eintrag von Carl Rümmler unter der Rubrik „Handelsweber“ als Rümmlers Haus unter der Anschrift Lindenstraße. Friedrich August Hübsch hingegen wird Expedient unter der Anschrift Rochlitzer Straße 7 geführt. Es sieht danach aus, dass zwischen den eng befreundeten Handwerkern eine Arbeitsteilung erfolgte, Rümmler stellte die Diwandecken und leichte Schnittplüsche her und Hübsch vertrieb sie.

    Zunächst wurden die Möbelstoffe ausschließlich auf Handwebstühlen hergestellt. Ab 1860 firmierte Friedrich August Hübsch an der Anschrift Schillerplatz 25, das ist die gleiche Adresse, an denen einige Jahre später die Firma Hübsch & Rümmler eingetragen ist. Bis Mitte der 1870 Jahre hatte die Firma vorwiegend Handweber beschäftigt, dann ging August Hübsch dazu über, in Lohnweberei eigene Garne und Designs verarbeiten zu lassen.

    Nach dem Ableben Carl Rümmlers 1875 führte August Hübsch die Firma mit der Witwe Emma Bertha verw. Rümmler geb. Dehnert als Mitinhaberin weiter. 1877 erwarb Hübsch das Gebäude Wilhelmplatz 2 (heutiger Wilhelm-Külz-Platz) und verlagerte schon im kommenden Jahr seine Firma dorthin und richtete eine mechanische Weberei ein. Adressbucheintrag: Firma und Meublesstofffabrik (Contor)

    Firmengebäude um 1897

    Am 2.1.1880 wurde nach dem Ausscheiden der Witwe Rümmler die Firma „August Hübsch“ auf Folium 418 ins Handelsregister eingetragen. Ab 1882 bzw. 1884 stiegen die Söhne Alfred Georg (geb.1865) und Ernst (geb. 1866) in die Firma ein, beide hatten die Höhere Webschule zu Chemnitz absolviert und viel Erfahrung bei Reisen im In- und Ausland gesammelt. Mit viel Fleiß und Geschick brachten sie sich in die väterliche Firma ein, so dass die Weberei zunehmend auch für Exporte nach Skandinavien, Westeuropa, die Schweiz und Griechenland produzierte.

    1889 wurde auf dem Grundstück Wilhelmstraße 29/31/33 mit dem Bau einer eigenen Fabrik begonnen. Mit der Verlagerung dorthin hob sich das Geschäft in raschem Tempo.

    1899 trat auch der dritte Sohn Emil Otto (geb. 1875), der nach Absolvierung der gleichen Lehranstalt sich vielseitige Kenntnisse auf längeren Aufenthalten in England und Frankreich angeeignet hatte, in die väterliche Firma ein.

    Ernst Hübsch wurde 1899 zum französischen Konsular-Agent für Chemnitz ernannt, was selbst der sächsische König im Februar 1900 geruhte anzuerkennen. Das Amt des Vize-Konsuls der Französischen Republik hatte er bis 1914 inne.

    1900 schied Friedrich August Hübsch als Gesellschafter aus der Firma aus, der jüngste Sohn Emil Otto wurde zeitgleich neuer Prokurist. Mittlerweile wurden fast 300 Mitarbeiter beschäftigt. Nach dem Ableben von Fr. August Hübsch, der im Juli 1903 72-jährig starb, wurde die Firma von den Söhnen weitergeführt. 1910 wurde Emil Otto Hübsch Gesellschafter. Mit dem Kaufmann Karl Max Tauscher ergänzte ein neuer Prokurist die Firma.

    Die Fabrik wurde mehrfach erweitert, auf über 10.000m² wurden hochwertige Plüsche, Möbelstoffe, Dekorations- und Wagenstoffe in Damast, Moquette-, Tisch- und Diwandecken sowie Gobelins hergestellt. Die Erzeugnisse galten als solide, geschmackvoll und dauerhaft im In- und Ausland. Die Entwürfe stammten aus dem eigenen Atelier und die Fabrikation erfolgte auf 300 mechanischen Webstühlen, hergestellt von der Sächsischen Webstuhlfabrik, die Appretur in einer eigenen Anstalt.

    1914 waren im Unternehmen ca. 400 Arbeiter beschäftigt. Die elektrische Betriebskraft wurde durch eine 250 PS-Compound-Dampfmaschine erzeugt. Der größte Teil der mechanischen Webmaschinen hatte einen Einzelantrieb, ein Teil wurde über Transmission durch elektrische Gruppenmotoren angetrieben. Ein Teil der Anlage war an das Netz des städtischen Elektrizitätswerkes angeschlossen. Die Produktion war also nicht nur technisch auf dem damals modernsten Stand, auch der Absatz boomte nach Holland, England, Kanada, Belgien, der Schweiz, China und Japan. Das Unternehmen unterhielt damals bereits Vertretungen in Leipzig, Berlin, Hamburg und München sowie im Ausland.

    Anfang Juli 1915 starb im Alter von 48 Jahren Ernst Hübsch nach einer Operation. Ende 1921 erfolgte dann die Gründung der „August Hübsch Aktiengesellschaft“, die am 27. April 1922 mit einem Grundkapital von 3 Mill. RM ins Handelsregister eingetragen wurde. Alle Aktienanteile blieben in Familienbesitz.

    Nachdem auch Georg Hübsch am 30.Juli 1922 im Alter von 57 Jahren starb, führte Emil Hübsch mit den Enkeln des Gründers; Alfred und Gerhard Hübsch das Unternehmen weiter.

    1944 wurden alle einsatzfähigen Belegschaftsmitglieder zur Kriegsindustrie zwangsverpflichtet. Hergestellt wurden Schlafdecken, Futterstoffe, Schuhoberstoffe und Papiergewebe für Säcke.

    Der Hauptbetrieb hatte 1945 Angriffe auf Chemnitz nahezu unbeschadet überstanden, zerstörte Betriebsteile wurden wieder aufgebaut. 1946 wurden fast 400 Arbeiter beschäftigt, über die Hälfte der Belegschaft davon waren Frauen. Gearbeitet wurde im Akkordlohn. Der Stundenlohn betrug 0,79 bis 0,89 M für Frauen und 1,13 M für Männer.

    Die Produkte der Hübsch AG dienten vorwiegend der Befriedigung von Reparationsverpflichtungen. Mehr als einmal hat die Firma A.F. Hübsch AG die Stadt Chemnitz „gerettet“, weil sie das Reparationssoll erfüllte. Die Firma entwickelte unter dem Markenzeichen „Hübsch Harmonie“ aufeinander abgestimmte Teppiche, Möbel- und Dekorationsstoffe. Das Unternehmen wurde nicht enteignet und die vielen Versuche, die Fabrik ins Volkseigentum zu übernehmen, konnten bis 1948 abgewendet werden, dann haben die Eigentümer die Firma abgegeben. Ab diesem Jahr wurde sie als VEB Möbelstoff und Plüschweberei Karl-Marx-Stadt geführt, als Hauptwerk unter der Adresse Straße der Nationen 99. Ein Brand am 28. Juli 1948 im Materialschuppen vernichtete erhebliche wertvolle Garnbestände.

    Nach und nach kamen weitere Zweigwerke wie der Produktionsbereich in der Hainstr. 141, der Dresdner Str. 118 und der Zwickauer Str. 370, die ehem. mechanischen Weberei Eduard Kornick Sonnenstr. 11, außerdem beiden Abteilungen in der Beckerstr. 11 und 20 hinzu. Im Rahmen der Kombinatswelle in den 70 er Jahre wird die MöPlü am 1.1.1971 dem sozialistischen Großbetrieb VEB Möbelstoff- und Plüschweberei Hohenstein-Ernstthal angegliedert, mit den 3 Betriebsteilen in Karl-Marx-Stadt, Hohenstein und Kirchberg. Insgesamt gab es 20 Produktionsstätten mit 33 territorial getrennten Abteilungen. Dieser sozialistische Großbetrieb der Raumtextilindustrie mit 4.000 Beschäftigten war der größte Hersteller von Möbelbezugsstoffen in der DDR. Diese Zusammenschlüsse vieler Produktionsstandorte hatten den Zweck der Spezialisierung, der Einschränkung von Fadenfeinheiten, Eingrenzung von Farbpaletten und Erhöhung von Stoffbreiten.

    Somit konnte man 1972 im Vergleich zu 1952 eine Umsatzsteigerung von 200 % erzielen. Im Gleichen Zeitraum hatte sich der Export auf 860 % erhöht. Exportiert wurde in 30 Länder, der Hauptanteil mit 45 % in die Sowjetunion und weitere 23 % in Länder des sozialistischen Wirtschaftsbereichs. Der Vorteil der Exporte in die Sowjetunion waren gigantische Losgrößen. Der Export in den sogenannten „nichtsozialistischen Wirtschaftsbereich“ erforderte hingegen die Beachtung von Modetrends und verlangte Kreativität und Flexibilität. Man konnte wegen der erforderlichen Devisenbeschaffung jedoch nicht gänzlich auf den NSW-Export verzichten. So erfolgten regelmäßig an den Jahresenden Sonderverkäufe von hochwertigem Möbelplüsch an Hauptabnehmer in der BRD, Skandinavien und im Nahen Osten zu Schleuderpreisen von 2 – 4 DM pro m². Der Normalpreis war in der DDR über 100 Mark pro Quadratmeter. Solche Möbelstoffe blieben für Einheimische Mangelware.

    Ausgebildet wurde der berufliche Nachwuchs, Facharbeiter, Ingenieure und Ökonomen in eigenen Betriebsberufsschulen und Fachschulen.

    Das Lohnniveau war in der Textilindustrie in der DDR am niedrigsten. Die Jahresdurchschnittslöhne betrugen 1953 – 3500 M, 1973 – 6620 M und 1988 – 10.974 M.

    Besondere Bekanntheit erzielte in der DDR das Werk 2 der MöPlü in Karl-Marx-Stadt durch das Malipol- und Malischußpolverfahren. Das beruhte auf der Malimo-Technologie. Dabei wurden Fäden in ein vorgefertigtes Gewebe eingenäht und somit entstanden Noppen oder Schlingen oder Ware mit Florcharakter (durch aufgeschnittene Noppen).

    1968 wurden nach dreijähriger Entwicklungszeit die ersten Möbelstoffe in Karl-Marx-Stadt in der Mali-Technologie gefertigt, berichtete 1987 der damalige Betriebsdirektor, Günter Schubert, in einem Artikel in der Wochenzeitung Blick. Bis dahin habe es im Unternehmen nur Webereitechniken gegeben und man habe die Weber erst von Malimo überzeugen und vertraut machen müssen. Es sei nicht einfach gewesen, das Nähwirken als Gegenstück zum klassischen Weben durchzusetzen. Ausschlaggebend seien die neuen Möglichkeiten der Veredlung gewesen. Zudem konnte 1 Arbeiter mit der Malitechnologie 1000 m² Stoff herstellen, hingegen an 2 klassischen Webmaschinen nur 100 m².

    Seit den 70-er Jahren wurden hier Plüsche für Bettvorleger, Bettumrandungen, Tagesdecken, Futterstoffe, Plüsch für Kuscheltiere hergestellt, solche Artikel trugen Namen wie Bellevue oder Bellaflor. Veredelt wurden die Plüsche im Zweigwerk in Siegmar.

    Der hohe Exportanteil in die Sowjetunion und die geringe Flexibilität wurden dem Unternehmen nach der Wende zum Verhängnis. Erschwerend kam hinzu, dass auch die Textilbranche in den alten Bundesländern kriselte. Somit wurde der Betrieb sehr schnell von der Treuhand liquidiert.

    Luftbild aus dem Jahre 2021 des ehemaligen Firmenareals

    Nach 1990 ging die Immobilie zurück an den letzten Namensträger Gerhard Hübsch, er übergab sie in die Hände der Familie Kronbichler. Es entstand ein moderner Büro- und Gewerbestandort, der zu Ehren der Gründer „Hübsch-Center“ genannt wurde. In den drei Häusern „Haus Goethe“, „Haus Schiller“ und „Haus Lessing“ mit insgesamt 9000 m² Fläche wurden auf 4 Etagen Büro- und Schulungsräume, Lager und gastronomische Einrichtungen etabliert.

    Bereits 2011 gab es jedoch im Rahmen einer Zwangsverwaltung durch die Rechtsanwaltskanzlei Bachmann, Krauß und Collegen in Chemnitz eine Nutzungsänderung des Hauses Schiller von Büroräumen zu Schulungsräumen. Im Gebäude entstanden mehrere Schulungsräume, Räume für die Lehrer, ein Kreativraum, ein Musikraum und ein Platz für die Aufstellung eines Terminals für die Internetbenutzung. Die im Keller befindlichen Räumlichkeiten einer ehemaligen Gaststätte wurden zum Pausenraum für Schüler umfunktioniert.

    Seit 2019 betreiben die DPFA-Schulen gemeinnützige GmbH hier eine Fachschule für Sozialwesen. Ausgebildet werden hier Erzieherinnen und Erzieher sowie Sozialassistentinnen und Sozialassistenten. Die Unterrichtsräume bieten neben modernster Ausstattung, unter anderem mit interaktiven Tafeln, Fachkabinette und eine zeitgemäße technischen Ausrüstung. Seit Herbst 2019 verfügt der Schulkomplex zudem über eine knapp 1000 Quadratmeter große Turnhalle, die vor allem von den mittlerweile 360 Schülern der DPFA-Regenbogen-Schulen Chemnitz genutzt wird.

    Neben der DPFA Akademiegruppe sind eins – energie in sachsen, BCS broadcast Sachsen, eine Bio-Gewürzmanufaktur und ein Online-Handel mit Haushaltgeräten weitere Mieter.

    Der Inhaber des Projektes „Hübsch Quartier“ wirbt um weitere Nutzer des Hauses Goethe mit historischen Industriedesign, mit modernen Büroflächen, nostalgischen Direktorenbüros, Lagerhallen und manufakturartiger Architektur für alle Ansprüche.

    (Quellen: Buch „Chemnitz am Ende des 19.Jahrhunderts“ „Führer durch den Industriebezirk Chemnitz“, 1914; versch. Zeitungsartikel aus der „Leipziger Wochenzeitschrift für das Textilhandwerk“, der „Sächsischen Staatszeitung“ zu finden unter SLUB-Dresden; Reichsanzeiger; Firmenchronik VEB Möbelstoff- und Plüschweberei Karl-Marx-Stadt u.a.)

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