Die Gerichte auf dem Kaßberg

Ausschnitt aus dem Plan der Stadt Chemnitz 1897 mit dem Gebäudekomplex auf dem Kaßberg

Den ausgedehnten Gerichtskomplex an der Hohe Straße und Gerichtsstraße auf dem Chemnitzer Kaßberg möchte ich Ihnen in diesem Beitrag, mit einer historischen Betrachtung seines Entstehens, vorstellen.
Der nahe an der Chemnitz und dem Stadtzentrum gelegene vordere Kaßberg wurde ab Mitte der 1860er Jahre zuerst erschlossen. Das Terrain wurde von einem Konsortium verschiedener Personen aufgekauft. Vertraglich war geregelt worden, dass das Gebiet ausdrücklich nur mit Villen bebaut werden sollte. Die Hohe Straße steckte man dort ab, wo Lehrer Stahlknecht schon zu bauen begonnen hatte.

Doch schon bald wurden erste Grundstücke, wohl gewinnbringend, an den Staatsfiskus verkauft. Den Königl. Sächs. Landbaumeister Hugo Nauck beauftragte man 1869, Pläne zur Errichtung eines Königlichen Gymnasiums zu erstellen. 3 Jahre später wurde das heutige Karl-Schmidt-Rottluff-Gymnasium eröffnet.
Selbiger war es auch, der in unmittelbarer Nähe die Aufgabe erhielt, die Pläne zur Errichtung des Amtsgerichtes und der Gefangenenanstalt zu erarbeiten.

Ansicht Ecke Kaßberg-/ Gerichtsstraße

1875-1877 erfolgten die Bauarbeiten dazu, sehr zum Leidwesen der Villenbesitzer, die – anstatt der prächtigen Aussicht auf Chemnitz – jetzt in den Gefangenenhof blickten. Klagen dagegen wurden jedoch abgelehnt.
„Die Gefangenenanstalt ist ein als Putzbau mit sandsteinernen Gesimsen, Fenster- und Türrahmungen errichteter Gruppenbau und besteht aus einem Verwaltungs- und Beamtenwohngebäude, einem damit verbundenen Zellengebäude mit Mittel- und 3 Flügelbauten, in denen etwa 125 Zellen für männliche und etwa 40 für weibliche Untersuchungs- und Strafgefangene in Einzelhaft, sowie für etwa 70 männliche und 12 weibliche in gemeinschaftlicher Haft, nebst Räumen für Aufseher und Aufseherinnen, den Arzt, den Geistlichen und für Unterrichtszwecke liegen. Im Dachgeschoß sind die Schlafzellen untergebracht, im Untergeschoß noch Zellen für verschärfte Haft, Arbeits- und Baderäume, Küche, Wäscherei, die Heizungsanlagen und Wirtschaftskeller.“ so die Beschreibung 1911.

Anschließend wurde das Königliche Landgericht in den Jahren bis 1879 nach den Plänen des Landbaumeisters Julius Temper, der auch die Reichsbank an der Kronenstraße entwarf, errichtet. Auf einem etwa 25.400 m² umfassenden Grundstück zwischen der Hohe , Gerichts- und Kaßbergstraße war ein mächtiger Bau mit drei Fronten entstanden. Die Baukosten für alle Teile bezifferte man auf ca.2 ½ Millionen Mark. 

Das Hauptportal auf der Gerichtsstraße

Das Hauptgebäude des Land- und Amtsgerichts wurde aus Ziegelmauerwerk mit Sandsteinarchitekturen im Renaissancegeschmack erbaut. Die Hauptstirnseite nach der Gerichtsstraße – die seiner Zeit erst im Zusammenhang mit dem Gerichtsgebäude angelegt wurde – erhielt, als besonderen Schmuck, ein hohes, säulenverziertes Eingangsgewölbe, fast 3 Stockwerke hoch. Über dessen Tor, zu dem man auf einer Treppe hinaufstieg, war im Portalgewölbe ein Fresko, das Moses mit der Gesetzestafel darstellte, angebracht. Über diesem ganzen mächtigen Mittelbau erhob sich eine Sandsteingruppe, mittig mit einer Justizia-Skulptur, die über Schuld und Unschuld thronende Gerechtigkeit darstellend.

Im Hauptgebäude des Land- und Amtsgerichts, in dem auch die Staatsanwaltschaft das Königliche Landbauamt ihr neues Domizil fanden, lagen hauptsächlich Arbeitsräume, einige kleinere Verhandlungssäle, Archivräume, sowie Wohnungen für den Landgerichts- und den Amtsgerichtspräsidenten. Diesem Gebäudeteil war ein Saalbau durch 2 Verbindungsgänge angeschlossen, mit dem großen Schwurgerichtssitzungssaal, 4 anderen Verhandlungssälen, Beratungszimmer und im Untergeschoß den Auktionssaal mit Nebenräumen.

Am 1.Oktober 1879 siedelten die Königlichen Gerichtsbehörden von ihrem bisherigen Sitz in der Herren- und Theaterstraße nach dem neuerbauten Justizgebäude auf den Kaßberg über.

1881 entstand dem Seitenflügel stadtwärts gegenüber die Treppenanlage zum Pfortensteg hinunter. Für viele damals eine Treppe der Seufzer, denn wer sie zum Justizgebäude emporstieg, kam nicht selten erst Monate später wieder zurück.

Ansicht um 1910 von der Hohe Straße

Das Gebäude vermochte bald nicht mehr den Raumansprüchen der Behörden zu genügen. Einige Bereiche wie die Gerichtsvollzieherei und die Nachlaßabteilung hatte man schon ausgelagert, die Raumnot blieb aber bestehen.

Die Bezirke zu teilen oder das Amtsgericht räumlich vom Landgericht zu trennen und an anderer Stelle einen selbstständigen Gerichtsbau zu errichten, lag nicht im Einklang mit dem von der Staatsverwaltung verfolgtem Bestreben, durch räumliche Zusammenfassung von Behörden, die Betriebsunkosten zu drosseln. So blieb nur übrig, den Altbau mit einem Anbau zu erweitern. Mitte der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts reiften die Pläne dazu, dem das Stahlknecht’sche Haus weichen mußte.

Die Entwürfe des neuen Anbaus stammten von Ministerialrat Dr. Oskar Kramer (Dresden) und Regierungsbaurat Dutzmann, die Bauleitung lag bei Regierungsbaurat Kießling. Auf einer Grundfläche von 1.100 m² wurde ein Bauwerk errichtet, das u.a. Platz für elf Verhandlungssäle bot. Die Bauarbeiten begannen im September 1927, im Oktober des nächsten Jahres war es rohbaufertig, im März 1929 wurde es der Benutzung übergeben. Der Bau umfaßte etwa 20.385 m³ umbauten Raum. Die Kosten betrugen ca. 1.1 Millionen Reichsmark. Hiervon entfielen etwa 936.000 RM auf den Bau, etwa 63.000 RM auf die Außenanlagen und etwa 98.000 RM auf die Einrichtungsgegenstände.

Die großen ungegliederten Flächen des Erweiterungsbaues wurden mit Eisenklinkern in rostbraunen bis blauschwarzen und violetten Tönen verkleidet, das Dach mit Kupferblech gedeckt. Die Gliederung beschränkte sich auf Dachtraufsimse mit werkmäßig bearbeitetem Kunststein, das oberste Geschoß wurde zurückgesetzt.
Sachlicher Tendenzen im Sinne des „Neuen Bauens“ zur damaligen Zeit wurden bei der Ausführung aufgegriffen. Der Klinkerbau ist L-förmig angelegt, folgt damit einerseits der gegebenen Fluchtlinie, nimmt aber auch den geschwungenen Lauf der Hohen Straße auf. Das Treppenhaus ist diagonal zwischen die beiden Flügel gestellt, auch dies eine Reminiszenz an expressionistische Architektur. Der Treppenturm erhielt mit einer Uhr mit großem vergoldetem Zifferblatt und eine Umrahmung des Haupteingangs weiteren Schmuck.
Das Portal wurde mit einer Plastik von Prof. Dr. Albiker (Dresden) verziert, die in der Fabrik von E.Teichert (Meißen) in schwarzblau gesinterten Ton gebrannt wurde.

Bis zum verheerenden Bombenangriff auf Chemnitz am 5. März 1945 existierte der gesamte Gerichtskomplex. Nach dem Angriff war das Hauptgebäude entlang der Gerichtsstraße und der Kaßbergstraße vollkommen zerstört und nur noch entlang der Hohe Straße standen (mehr oder weniger stark beschädigt) das Landgericht und das Gefängnis.

In den Jahren der DDR hatte die Hohe Straße (mittlerweile „Dr. Richard-Sorge-Str.”) und die noch bestehenden Einrichtungen der Staatsanwaltschaft, des Amts- und Landgerichtes und des Strafvollzugs einen besonders faden Beigeschmack. Während kriminelle Vergehen schon immer hier ihren Urteilsspruch erfuhren, nahmen viele Prozesse gegen politisch unbequeme Kräfte und die Verfolgung Andersdenkender hier ihren Anfang und ihr Ende. Mit dem Kaßberg verband sich damit sofort der Begriff der „Stasi“ (Staatssicherheit), die ihre Einrichtungen nur wenige Schritte vom Gerichtsgebäude entfernt hatte. Mehr dazu unter https://gedenkort-kassberg.de/geschichte/

Mit der deutschen Einheit 1990 und den nachfolgenden Strukturänderungen blieben das Landgericht und die Justizvollzugsanstalt übrig. Ab 2006 -2009 entstand auf dem Areal an der Gerichtsstraße das neue Justizzentrum mit Sitz des Amtsgerichtes und der Staatsanwaltschaft Chemnitz.

(Quellen: Festschrift zur Einweihung des neuen Rathauses 1911; Skript von J.Eichhorn; Buch „Der Kaßberg. Ein Chemnitzer Lese- und Bilderbuch“ von Dr. Jens Kassner; Bauzeitung 1931; u.a.)

Ansicht des Justizkomplexes im Frühjahr 2020