Ein schwieriger Start 1897

Als Fortsetzung der Chemnitzer Luftfahrtgeschichte möchte ich von den Ereignissen und den durchgeführten Auffahrten verschiedener Ballons im Jahr 1897 berichten.

Die 1895 gegründete „Vereinigung zur Förderung der Luftschiffahrt für Sachsen, Sitz Chemnitz“ nannte sich nach einer Mitgliederversammlung nunmehr „Verein zur Förderung der Luftschiffahrt in Sachsen, Sitz Chemnitz“. Die von dem Vorsitzenden des Vereins, Hr. Paul Spiegel, ausgearbeiteten und der Versammlung vorgelegten Statuten fanden nach eingehender Besprechung einstimmige Annahme. Der Vereinssitz zur damaligen Zeit war die Theaterstraße 82, gleichzeitig Wohnsitz Spiegels.

Annonce 1897 zur geplanten Auffahrt im Colosseum

Unter dessen Führung fanden fortan die Auffahrten statt, die erste zu Ostern mit dem Riesenballon „Wettin“ vom „Colosseum“ aus. Wenn man bedenkt, daß Ballon „Wettin“ 1500 cbm Leuchtgas faßt, einen Umfang von 45 m, einen Durchmesser von 15 m und, fertig zur Abfahrt, von der Korbgondel bis zum oberen Ventil eine Höhe von 26 m hat, so kann man sich einen Begriff von der Größe dieses Fahrzeuges machen. Ballon „Wettin“ trägt mit seinem eigenen Gewicht 20 Zentner. Zur Füllung dieser Riesenhülle sind 13 Stunden Zeit erforderlich und es ist seitens der Gasanstalt ein über 50 m langes Gasrohr gelegt worden, um dem Ballon, der von dem freien Platz im „Colosseum“ aufsteigen wird, 1500 cbm Gas zuzuführen.
Das „Colosseum“ wird wenige Jahre später das „Volkshaus“ an der Zwickauer Straße.
Wegen eines Sturmes, der schon in der Nacht zum Sonntag über die Stadt fegte, konnte mit der Füllung des Riesenballons „Wettin“ nicht begonnen werden, und es mußte, zumal auch Regenwetter eintrat, die Auffahrt unterbleiben, Sie sollte eine Woche später folgen, wurde aber wieder auf Grund Regenwetters abgesagt, stattdessen stieg der kleinere Ballon „Chemnitz“ auf. Führer dessen war Richard Feller, der ihn erst Richtung Stollberg lenkte,  um – nachdem er über 2.200m Höhe erreichte – schließlich nach 1 ¼ Stunden sicher in der Nähe von Göritzhain in der Nähe von Nossen zu landen.
1 Woche später in Dresden witterungsbedingt das gleiche Spiel, für den Großen „Wettin“ nicht geeignet, Feller wieder im kleineren „Chemnitz“ unterwegs. Landung an diesem Tag in Ploschwitz bei Dohna.

Auch die nächste geplante Auffahrt am 16.Mai musste ausfallen, erst am 23.Mai konnten ca. 3.500 Zuschauer wieder den Aufstieg von Feller, diesmal vom „Thiergarten Scheibe“ in Furth, verfolgen. Nachdem er fast 2.800m erreicht hatte, landete er nach einstündiger Fahrt glatt bei Altenhain.

Über 7.000 Personen hatten sich dann am 1. und 2.Pfingstfeiertag wieder im „Thiergarten Scheibe“ eingefunden, die von Herrn Richard Feller bekanntgegebenen Luftballonauffahrten von nächster Nähe aus beobachten zu können. Der schön hergerichtete Tiergarten bildete dazu den passenden Rahmen. „Am 1.Pfingstfeiertag erreichte der Ballon eine Höhe von 1800m bei 4 Grad Wärme. Die Landung fand nach einstündiger Fahrt glatt bei Kleinolbersdorf statt. 50 Minuten lang konnte man den Ballon vom Auffahrtsorte aus beobachten. Die zweite Auffahrt, die ebenfalls gut vonstatten ging, dauerte eine ¾ Stunde. Infolge der feuchten Luft und starken Strömung erreichte der Ballon nur eine Höhe von 1450m. Herr Feller fand bei einer Höhe von 500 m in den Wolken eine Temperatur von 1 Grad vor. Die Landung ging ebenfalls glatt, und zwar bei Witzschdorf, vor sich.“ berichtete anschließend das Chemnitzer Tageblatt am darauffolgenden Dienstag.

Nächster Höhepunkt sollte das Volksfest am 29.August ebenfalls Thiergarten „Scheibe“ mit dem erstmaligen Aufstieg des neuen Ballons „Sachsen“ werden. Das Volksfest konnte sich eines sehr guten Besuches zu erfreuen. Zahlreiche Attraktionen lockten die Gäste an, wie wir nebenstehender Annonce entnehmen können, die geplante Auffahrt fand jedoch wegen anhaltenden ungünstigen Wetters nicht statt.
Erst am 5.September konnte ein tausendköpfiges Publikum den Ballon „Sachsen“, dessen Erbauer Herr Luftschiffer Richard Feller war, vom „Gasthaus zur Linde“ am Neustädter Markt aufsteigen sehen. Trotz stürmischen und regnerischen Wetters hatte man den Aufstieg gewagt. 
An einer Radverfolgung des Ballons nahmen 3 Chemnitzer teil, Zeitungen hatten dazu aufgerufen, von der Landung als erster zu berichten. Der Start erfolgt 5 Uhr 37 Minuten nachmittags. Nach nur 28 Minuten währender Fahrt erfolgte die Landung in Kleinhennersdorf bei Freiberg, als erster Radfahrer erreichte ein Paul Hamel um 7 Uhr 20 min den Landungsort, er fiel aber bei der Rückfahrt wegen eines technischen Defektes aus. So war es Paul Meyer, der dem Wirt der Linde, Herrn Heuschkel, um 9 Uhr 37 min. die Mitteilung von der erfolgten schwierigen Landung der Luftschiffer überbrachte.
Auch die für den 12. September geplante Auffahrt musste witterungsbedingt abgesagt werden.

Annonce zur Auffahrt am 5.September 1897

Am folgenden Wochenende hatten sich ca. 2.000 Personen trotz der unsicheren Witterung im Lindengarten eingefunden, eine erneute Auffahrt zu erleben. Diesmal gelang alles, der ausgeloste Gast bestieg mit Fellers Assistent, Oswald Lische – der überhaupt seine erste Fahrt unternahm – den Korb. Nach 34 Minuten Fahrt landete Herr Feller mit seinen beiden Passagieren glatt unter den denkbar besten Verhältnissen bei Klaffenbach. An der Verfolgung nahmen 13 Radfahrer teil.
Auf Grund des Erfolges wurde eine Woche später eine erneute Auffahrt angesetzt.
Nahe an 3.000 Personen hatten sich am 26.September eingefunden, um das Schauspiel der Auffahrt in nächster Nähe zu beobachten. Tausende hatten sich vor und hinter dem Gasthaus „Linde“ aufgestellt, Fellers als letzte des Jahres angekündigte Fahrt mitzuerleben. Diesmal hatte sich schon vorher der Mittweidaer Maschinenfabrikant Oswald Scharf zur Auffahrt angemeldet. Auch diesmal ging, begünstigt von der guten Witterung, der Aufstieg planmäßig vonstatten. Die Landung des Ballons erfolgte nach einstündiger wunderschöner Fahrt glatt bei der „Grünen Tanne“ zu Hartha bei Frankenstein. Bei der Radverfolgung konnten sich die 23 gemeldeten Fahrer nicht auf einen Sieger einigen, da ein Tandemduo erwartungsgemäß als erstes den Landeort erreichte und die anderen Teilnehmer mit dieser Überlegenheit und dem Resultat nicht einverstanden waren.
Noch einmal, auf vielseitigen Wunsch, fand am Sonntag, den 10.Oktober, im „Thiergarten Scheibe“ eine Auffahrt Fellers mit seinem Riesenballon „Sachsen“ statt. Der Ballon erreichte eine Höhe von 2400 m bei 4 Grad Kälte und landete mit seinem Passagier Ingenieur Honegger aus Mittweida glatt nach einstündiger Fahrt bei Oberleubsdorf bei Schellenberg.

Das schöne Herbstwetter nutzend, lud der Lindenwirt, Max Heuschkel, am 17.Oktober nochmals zu einer Auffahrt ein. Herr Richard Feller, der seine 291. Auffahrt unternahm, gab kurz nach 4 Uhr das Kommando „Los!“. Der Ballon „Sachsen“ nahm zunächst seinen Kurs nach Hohenstein, ging später aber nach Penig zu. Nach 1 ½ stündiger herrlicher Fahrt landeten die Herren wohlbehalten in Kauffungen. Der Ballon hatte eine Höhe von 1.600 m bei 10 Grad Wärme erreicht.

Eine Ausstellung des Feller’schen Riesenluftballons „Sachsen“ sowie des Original-Fallschirms im Gasthaus „Linde“ zum Reformationstag (31.10.) bildeten den Abschluss der Saison. Der Ballon wurde im kleinen Saal mittels Ventilator mit Luft aufgeblasen. Zudem waren Modelle, Bilder sowie sämtliche zum Luftschiff gehörenden Apparate ausgestellt.

Waren es zum Saisonbeginn im Frühjahr noch viele Absagen, konnten im goldenen Herbst 1897 einige wenige Auffahrten zur Zufriedenheit aller durchgeführt werden. Zu den Auffahrten im Jahre 1898 demnächst mehr.

(Quellen: Div. Ausgaben des Chemnitzer Tageblattes – auf Mikrofilm in der Stadtbibliothek Chemnitz zu finden)