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Otto H. Kratzsch

    Ein Rückblick auf das Geschäft „Drogengewölbe und Photohandlung Otto H. Kratzsch“, eine Legende der Chemnitzer Firmengeschichte. Es war über Generationen bei Kunden weithin im Einzugsgebiet, das sich über Chemnitz und die weitere Umgebung erstreckte, bekannt. Es hat ein Stück Stadtgeschichte mitgeschrieben. Umfangreich und informativ ist die nunmehr vor fast 185 Jahren begonnene Geschichte der Firma.

    Die Ursprünge der 1. Chemnitzer Drogerie:

    Am 24.Oktober 1837 eröffnete Wilhelm Mohring in Chemnitz am Johannistor eine Drogerie und Farbwarenhandlung. Sie war die erste Drogerie, das erste Fachgeschäft dieser Art in Chemnitz. Neben Farbe und den damaligen Drogen, von denen viele heute nicht mehr zu finden sind, verkaufte man feine Kolonialwaren, Weine, Schokolade usw.

    Ältestes Foto des Geschäftshauses um 1875

    Am 1. Juli 1848 zog Mohring nach der Klostergasse Nr. 24, wo er sein Geschäft weiterbetrieb, bis die Klostergasse am 7.Oktober 1852 abbrannte. Nach kurzem Notquartier in der Bretgasse kaufte Mohring im Dezember 1853 für 10.000 Taler das Haus und Grundstück am Markt. Im Jahre 1870 zog sich Mohring vom Geschäft zurück; die Herren Köhler und Schubert traten nun als Eigentümer auf. Im selben Jahre wurde auch das Vorderhaus am Markt abgerissen und ein neues gebaut. Nach dessen Fertigstellung am 15. Februar 1872 kaufte Otto Hermann Kratzsch Haus und Grundstück Markt 10 mit Geschäft für 22.500 Taler.

    Kratzsch war Pastorensohn aus dem Altenburgischen Land. Der allgemeine wirtschaftliche Aufschwung in Chemnitz kam seinen Fähigkeiten zu Hilfe, so daß er in kurzer Zeit das Geschäft auf eine beachtliche Höhe zu bringen vermochte. Er belieferte Fabriken in Chemnitz und weiterer Umgebung mit technischen Drogen, verkaufte Farben an Maler in weitem Umkreis. In dem engen Gewölbe am Markt verkaufte man in großen Mengen Pomaden, Mundwässer, Salben und Pflaster. Der Markenartikel war noch unbekannt, alles wurde nach eigenen Rezepten hergestellt.

    Am 5. Dezember 1880 starb Otto Hermann Kratzsch im Alter von nur 40 Jahren. Sein Grab befindet sich auf dem Städtischen Friedhof in Chemnitz.

    Am 1. Juli 1881 ging das mittlerweile auf Folium 1485 des Handelsregisters des Königreiches Sachsen eingetragene Geschäft auf seine Ehefrau Anna Auguste Albertine verw. Kratzsch über. Am 9. Januar 1884 wurde Georg Köhler, der zweite Mann der Witwe, Mitinhaber der Firma Otto H. Kratzsch.

    In unmittelbarer Nähe des Hauses siedelten sich in dieser Zeit weitere, später ebenso namhafte Firmen, wie z. Bsp. das Sporthaus Moritz Wagner und die Firma Teppich-Zieger an.

    1897 war die nächste Generation so weit, daß Karl Georg Kratzsch, der zweite Sohn, nach gründlicher kaufmännischer Ausbildung am 1. Oktober 1897 in die Firma eintreten konnte. Am 1. Januar 1901 übernahm er zusammen mit seinem Bruder Rudolf Otto Kratzsch das Geschäft. Die um die Jahrhundertwende sich erst richtig einführende Photographie wurde sofort als Handelsartikel aufgenommen und führte sich so schnell ein, daß bereits Anfang 1902 die erste Kiste photographischer Trockenplatten verschickt werden konnte. Aber erst nach dem 1. Weltkrieg begann der richtige Siegeszug der Photographie.

    Am 1. März 1914 übernahmen die Brüder, nach dem Ableben des Inhabers Hugo Bierling, die im Nachbarhaus Markt 9 befindliche Schokoladen und Zuckerwarenhandlung „E. Frohne Nachfolger H. Bierling“. Im Jahre 1924 entschlossen sich die Brüder, die Firmen zu teilen. Rudolf Kratzsch schied aus der Firma aus und leitete ab 25. Februar 1925 lt. dem Handelsregistereintrag als alleiniger Gesellschafter die Firma „E.Frohne Nachf.“ Karl Georg Kratzsch löste mit demselben Datum die offene Handelsgesellschaft „Otto. H. Kratzsch“ auf und führt das Handelsgeschäft als Alleininhaber fort.

    Annonce 1929

    Der Amateur-Photohandel breitete sich mit der Zeit immer mehr aus. Es machten sich Erweiterungen und Ausbauten erforderlich. Neben dem Handel mit Fotoapparaten und Photoartikeln hatte sich das Photolabor als wichtigster Geschäftszweig entwickelt: Dort, wo 1853 Öfen zum Kräutertrocknen gebaut wurden, standen nun moderne Filmtrockenschränke, und das Labor, das noch 1920 in einem einzigen Hofraum hauste, war Mitte der 1930er Jahre in schönen, hellen Räumen, den früheren Wohnräumen des Patriziers Gottfried Becker, untergebracht.

    Werbung anno 1931

    Karl Kratzsch führte als geborener Kaufmann alten Stils sechs Jahrzehnte die Firma, war – in guten wie in schlechten Jahren – die Seele des Hauses. Am 11. November 1937 wurde dem Sohn und gelernten Drogisten Karl Werner Kratzsch Einzelprokura der Firma erteilt. 100 Jahre nach ihrer Gründung war die Drogerie weit bekannt als klassische Drogerie und Fachgeschäft für Foto- und Kinotechnik. Leistungsfähige Laboranlagen zur Ausführung aller anfallenden Fotoarbeiten, Fotolehrgänge für Interessierte im eigenen Film- und Vorführsaal und gute Mitarbeiter trugen wesentlich dazu bei.

    Zum 1. Januar 1942 trat ein Kommanditist in die Firma ein und der Firmenname in „Otto H. Kratzsch K.G.“ geändert.

    Noch sind die Kriegsschäden überall ersichtlich

    Als am 5. März 1945 Chemnitz zerbombt wurde, war auch das Haus Markt 10 schwer getroffen worden, nur das alte Ladengewölbe hatte dem Angriff getrotzt. Mit einem behelfsmäßigen Verkauf von Watte und Verbandstoffen begann Karl Kratzsch wenige Tage später von vorn. Mit dem zunehmenden Wiederaufbau der Foto- und chemischen Industrie erweiterte sich das Angebot um den Optik-Versand, den An- und Verkauf gebrauchter Kameras und Fotoeinrichtungen. 1960 übernahm der Sohn Werner Kratzsch die Leitung des Betriebes.

    1964 musste das wieder ausgebaute historische Geschäftshaus Markt 10 dem geplanten Neuaufbau des Stadtzentrums weichen. Die Firma zog in die Geschäftsräume im Rathaus um, jetzt postalisch Markt 1. Sie erlangte seit 1966 die Anerkennung eines Foto – Kontaktring – Geschäftes, die ein Höchstmaß von Fachberatung, Service und Angebot voraussetzte. Dank seiner langen Tradition und überragender Leistungen konnte der Familienbetrieb seinen Status als einziges großes privates Fotogeschäft von Chemnitz auch in der DDR behalten.

    Seit 1980 leiteten in der vierten Generation Rainer mit seiner Frau Ursula Kratzsch die Firma. Beide waren mit Ihrem Personal bemüht, die gute Tradition fortzuführen.

    Karl Werner Kratzsch starb 1985.

    So wie viel es noch kennen, das Drogengewölbe im Rathaus – Aufnahme 1977

    1987 feierte die Firma das 150. Geschäftsjahr. Die Firma wurde ins Ehrenbuch des Handels der Stadt Karl- Marx-Stadt eingetragen. Bei acht von zweiunddreißig Mitarbeitern liefen damals Ausreiseanträge. Zu den Feiern zum 150. Jahrestag der Photographie wurden zu Ausstellungen historische Fotogeräte nach Berlin und Paris ausgeliehen.

    Die Umstellung auf soziale Marktwirtschaft verlief nicht reibungslos. Es wurden neue, verlässliche Handelsbeziehungen aufgebaut, das „Kontaktring“-Symbol durch „Ringfoto“ ersetzt und im Fotolabor modernste Farbbildmaschinen installiert. Das Schwarz-Weiß- Labor wurde erhalten und ausgebaut, der An- und Verkauf von neuen und gebrauchten Fotogeräten erweitert. Unmittelbar mit der Wende kam das Schmalfilmgeschäft zum Erliegen. Es wurde eine Videoabteilung eingerichtet.

    1998 übernahm dann die Tochter Petra Kratzsch, ausgebildete Drogistin, Fotolaborantin und Handelsfachwirtin, das beliebte Traditionsgeschäft. Den Stammkundenanteil bezifferte die Geschäftsfrau denn zur Jahrtausendwende auch mit etwa 70, den Laufkundenanteil mit rund 30 Prozent. Beide Kundengruppen bestanden aus Leuten aller Bevölkerungs- und Einkommensschichten. Das Ladenlokal bestand aus dem ebenerdigen Verkaufsraum mit angegliedertem Fotolabor und einen zur digitalen Bildbearbeitung notwendigen Arbeitsplatz. Über eine Wendeltreppe gelangte man in die erste Etage, auf der sich Werkstatt, Lager, Büro und Sozialräume befanden. Beide Ebenen waren je 80 m² groß. Dazu kam ein etwa 25 m² messendes Portraitstudio.

    Es ist ein Paradoxon der Firmengeschichte, daß dem Unternehmen ausgerechnet jener Zweig vor die Füße fallen sollte, der es einst sehr populär gemacht hatte. Doch mit dem Einzug der Digitalfotografie und der Möglichkeit für jeden, alles preiswert selber bzw. in großen Drogerieketten oder Elektronikmärkten auszudrucken, ging alles steil bergab. Der aufstrebende Onlinehandel von Foto- und Kameratechnik über große Firmen und Shops führte schließlich im Sommer 2012 zum Untergang des Geschäftes.

    Doch die Legende „Kratzsch“ wird in den Erinnerungen von uns Chemnitzern bleiben.

    (Quellen: Fotografie von 1874 wurde freundlicherweise von der ev. Buchhandlung Max Müller (z. Hd. Herrn Gebhardt) bereitgestellt; Artikel im „Der Türmer von Chemnitz“ Heft 5/1938; Beitrag zur Firmengeschichte im „Blick“ 2007, Firmenportrait in der Zeitschrift „Imaging“ Juni 2008, u.a.)

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