Sachsen-Flugwoche 1911 – Teil 3

Fortsetzung des Berichtes zum Sachsen-Rundflug 1911
Der Rundflug lockte an den Etappenzielen tausende Zuschauer zu den Start- und Landeplätzen. Immer wieder kam es zu Schäden an den Flugmaschinen, und Gewitter und starke Winde sorgten häufig für die Unterbrechung der Flüge und geplanten Vorführungen. Auch in Dresden konnte nicht das volle Programm durchgeführt werden. Die Zahl der Wettkampfteilnehmer verminderte sich immer weiter. Am 26.5.1911 stand auch der Weiterflug auf der Strecke von Dresden nach Leipzig in Frage, doch am Abend beruhigte sich die Wetterlage und Otto Lindpaintner, als Passagier wieder mit Lt.Kormann, stieg als erster 18:35 Uhr in Dresden-Loschwitz auf. Ihm folgte 22 Minuten später Felix Laitsch mit Passagier Lt.Eysen auf der 110 km langen Strecke. Lindpainter landete nach genau 55 Minuten trotz starken Gegenwindes bereits auf dem Exerzierplatz in Leipzig-Lindenau. Laitsch traf 20:04 Uhr in Lindenau mit seinem Albatros-Doppeldecker ein. Die Herren Büchner, Hofmann, Grade, Kahnt und Schauenburg starteten ebenfalls noch, kehrten aber alle nach einer Runde zum Flugplatz zurück.
Das Leipziger Tageblatt hierzu euphorisch: „Abermals machten sich wieder tausende auf den Weg zum Flugplatz. Die Elektrische Straßenbahn stellte alle Extrawagen zur Verfügung, Autos, Equipagen und Droschken sausten durch Eutritzsch und Gohlis, zu Rad und auf Schusters Rappen strömte das sportfreudige Leipzig hinaus zu dem großen aviatischen Ereignis. Auf dem Augustusplatz in der Innenstadt und am Völkerschlachtdenkmal hatte sich eine tausendköpfige Menge eingefunden, die den östlichen Himmel beobachtete…”

Am Sonnabendmorgen, den 27.Mai, wurden die restlichen Flieger in Leipzig erwartet. Büchner und Kahnt landeten wohlbehalten in Leipzig. Hans Grade musste erst wegen eines Motordefektes in Niederhäßlich notlanden. Nachdem er am Sonntagmorgen erneut startete, brach nur wenige Kilometer weiter, bei Ziegenhain, ein Flügel. Er mußte aufgeben.
Die Leipziger Flugtage konnten auf Grund des böigen Windes am Sonnabend erst um 17:00 Uhr beginnen. Für den Preis der Stadt meldeten Kahnt, Büchner und Schwand. Kahnt gewann mit einer Flugdauer von 1:10 h, Schwand, der bald nach dem Aufstieg niederging, erlitt bei der Landung eine Havarie seines Apparates. Um den Höhenpreis bewarben sich Lindpaintner und Laitsch. Der Münchner siegte mit 680m vor Laitsch mit 615m.
Nachdem am Sonntag in Leipzig wegen Regenwetter bis kurz vor 17:00 Uhr nur Probeflüge stattfinden konnten, wurde gegen 6 Uhr der Wurfpreis ausgetragen, den Büchner und Kahnt bestritten. Von diesen blieb der erstere 10 Minuten, der letztere 9 Minuten in der Luft.
Um 18:35 Uhr trat Büchner mit Leutnant Steffen den Flug nach Plauen an, um 18:39 Uhr startete Lindpaintner zu dem Flug nach Plauen, als Fluggast führte er wieder Leutnant Kormann mit. Laitsch mit Leutnant Eysen stieg um 18:42 Uhr nach Plauen auf. Außerdem starteten noch Kahnt und Oelerich. Die beiden Flieger mussten jedoch in der Nähe von Leipzig bald wieder niedergehen. Die 3 im Rennen Verbliebenen erwartete ein starker Gewittersturm auf ihrem Weg nach Plauen, den sie durchqueren mußten. Als Erster kam Büchner um 19:53 Uhr in Plauen an und kurz vor halb Neun landete Laitsch. Er wurde als Sachse und als voraussichtlicher Sieger besonders herzlich begrüßt. Lindpaintner hatte wegen Motordefektes in der Nähe von Ronneburg eine Zwischenlandung vornehmen müssen. Der Flieger erbat von Plauen einen Reservemotor sowie Monteure. Nach erfolgter Reparatur traf er Montag, den 29.Mai, in Plauen ein.

Nur noch 3 Flieger waren somit im Rennen. Auch der Start zur letzten Teilstrecke Plauen-Chemnitz mußte mehrfach verschoben werden. Schließlich wurde der Start von der Flugleitung für Mittwoch morgen ½ 4 Uhr freigegeben. Der Abflug von Büchner (3 Uhr 38 Min.), Laitsch (3 Uhr 46 Min.), und Lindpaintner (3 Uhr 50 Min.) ging glatt vonstatten. Büchner und Lindpaintner führten nach der vorgeschriebenen Zwischenlandung in Zwickau den Flug nach Chemnitz zu Ende, während Laitsch, nachdem er die Ziellinie in Zwickau bereits glücklich überflogen hatte, wegen Motordefekt in einem nahen Kornfeld niedergehen musste. Büchner landete in Chemnitz um 5 Uhr 27 Min. und Lindpaintner um 5 Uhr 54 Min. Laitsch setzte erst am Abend seine Fahrt von Zwickau nach Chemnitz fort. Er stieg um 19:15 Uhr in Zwickau mit seinem Passagier, Oberleutnant Eysen auf, er landete eine Stunde später glatt auf dem Flugfeld in Chemnitz. Kurz vor dem Zielband ging Laitsch nieder und überflog dieses erst nach 20:30 Uhr. Laitsch machte sich einen Passus der Ausschreibungen zunutze. Hätte er das Zielband vor ½ 9 Uhr überflogen, so kam er wegen der Strafpunkte auf den dritten Platz, da bis zu dieser Zeit für jede Stunde der Verzögerung eine bestimmte Anzahl Strafpunkte angerechnet werden musste. Da aber nach ½ 9 Uhr abends die Zeit nicht mehr gewertet wurde, sondern der nach dieser Zeit eintreffende Flieger die Pauschalsumme von 15 Strafpunkten erhielt, so langte er eben kurz nach 20:30 Uhr an. Durch die schon vorher erreichten Gutpunkte blieb Laitsch nach Abzug dieser 15 Strafpunkte immer noch Sieger.

Für Donnerstag stand der große Rundflug um Chemnitz der Wurfpreis und der Passagierflugpreis auf dem Programm. Der lichte blaue Himmel und der Sonnenschein lockten eine große Schar der Flugsportfreunde zum Exerzierplatz. Auf dem grünen Rasen entwickelte sich in den Nachmittagsstunden ein vornehmes gesellschaftliches Bild, zu dessen Belebung die Damenwelt durch elegante Toiletten vor allem beitrug. Aber Aeolus, dieser „windige“ Geselle, nahm auch an diesem Tage wieder die Backen so voll, dass ein Flug nicht ganz ungefährlich erschien. Der Rundflug um Chemnitz, für den 16.000 M. an Preisen zur Verfügung standen und zu dessen Bestreitung sich Leutnant Jahnow, Hoffmann, Schmidt, Wiencziers und die drei „Rundflieger“ eingefunden hatten, musste vom Programm abgesetzt werden, auch der Wurfpreis wurde abgesetzt. Zur Bestreitung des Passagierflugpreises, der auf eine halbe Stunde abgekürzt war, meldeten Lindpaintner, Laitsch und Büchner. Lindpaintner stieg als erster mit Leutnant Kormann auf. Als sich der Münchner bereits in der Luft befand, zogen die beiden anderen Flieger ihre Meldung zurück und Lindpaintner erhielt den ersten Preis im Betrage von 3.500 M. Nach Schluss des Meetings fuhr der Harlanflieger Hoffmann noch einige Runden über den Chemnitzer Exerzierplatz.

Das Ergebnis:
Am Sonnabend nachmittag trat in Chemnitz das Preisgericht zu einer Sitzung zusammen. Nach eingehender Beratung wurden den Fliegern, die den ganzen Flug ausgeführt hatten, folgende Punkte zuerkannt: Laitsch 143, Büchner 121, Lindpaintner 117. Laitsch erhielt demnach den 1. Preis im Betrag von 30.000 Mark und den Zusatzpreis des preußischen Kriegsministeriums in Höhe von 5.000 M., außerdem gab das preußische Kriegsministerium bei den siegreichen Albatros-Werken in Berlin einen Apparat im Werte von 28.000 M. in Auftrag. Büchner erhielt an Preisen 15.000 M., ferner für sein rein deutsches Flugzeug eine Prämie von 2000 M. Lindpaintner gewann 10.000 M. und an Etappenpreisen 11.500 M.

Ende gut, alles gut! Dieses oft zitierte Sprichwort möchte ich auf die „Sachsenwoche‘” anwenden, die trotz aller Widerwärtigkeiten, die sich dem Unternehmen in den Weg stellten, einen glänzenden Verlauf genommen hat. Der Rundflug durch Sachsen war eine Zuverlässigkeitsveranstaltung im wahrsten Sinne des Wortes. Die Flieger, die den Sachsenrundflug glücklich beendet haben, bestanden die Feuerprobe für größere Konkurrenzen. Mit allen Gefahren und Wetterkapriolen haben die wackeren Flugzeugführer gekämpft, undurchdringlichem Nebel, heftigen Stürmen und schweren Gewittern haben sie die Stirn geboten. Wenn dennoch drei Flieger unversehrt und mit unbeschädigten Apparaten am Ziel anlangten, so ist das eine hoch anzuerkennende Leistung. Denn zu dieser Zeit war es vielleicht eine der schwersten Konkurrenzen, die damals überhaupt geflogen wurden.
(Quellen: Deutsche Luftfahrt Nr.11/1911, Ausgaben des Leipziger Tageblattes vom 20.Mai-1.Juni 1911 zu finden auf SLUB-Dresden.de)