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Die St. Lukas-Kirche – vor 125 Jahren geweiht

    Um die Wende zum 20. Jahrhundert war Chemnitz eine Stadt im Wandel, ein pulsierendes Zentrum der Industrialisierung, dessen Bevölkerung in rasantem Tempo wuchs. Diese Dynamik brachte nicht nur wirtschaftlichen Wohlstand, sondern stellte die städtische Infrastruktur auch vor gewaltige Herausforderungen. Besonders die Kirchengemeinden stießen an ihre pastoralen und räumlichen Grenzen. In diesem Spannungsfeld entstand eines der ambitioniertesten Bauprojekte der Stadt: die St. Lukaskirche. Sie war als Antwort auf die demografische Explosion gedacht, ein Symbol bürgerlichen Selbstbewusstseins und ein neues geistliches Zentrum. Doch ihre Geschichte ist eine von tragischer Kürze. Zwischen der feierlichen Weihe am 9. Januar 1901 und ihrer vollständigen Zerstörung in den Bombenangriffen des 5. März 1945 lagen nur 44 Jahre. Ihre Geschichte zu erzählen bedeutet, tief in die gesellschaftliche Entwicklung des damaligen Chemnitz einzutauchen.

    Die Geburt einer Gemeinde: Notwendigkeit als treibende Kraft

    Das unaufhaltsame Wachstum von Chemnitz machte, wie die erhaltenen Akten zur Parochialgeschichte belegen, die Gründung neuer Pfarreien zu einer administrativen und seelsorgerischen Notwendigkeit. Bestehende Gemeinden waren schlicht überfordert. Die St. Johannis-Parochie wurde bereits 1875 geteilt, doch der Druck auf die verbleibende St. Petri-Gemeinde ließ nicht nach. Die Kirchenstatistik von 1895 verzeichnet für diese bereits über 34.000 Mitglieder – eine für die damalige Zeit kaum zu bewältigende Zahl. Die Konsequenz war unausweichlich: Am 1. Januar 1897 wurde die St. Petri-Parochie erneut geteilt und die eigenständige St. Lukas-Gemeinde für den nördlichen Teil des Gemeindegebiets offiziell gegründet. Die neue Gemeinde baute jedoch auf einem soliden Fundament auf, das der Kirchenvorstand von St. Petri vorausschauend gelegt hatte. Sie übernahm nicht nur ein bereits 1893/94 errichtetes Pfarrhaus am Josephinenplatz, sondern auch den strategisch günstig gelegenen 3.000 m² großen Kirchbauplatz, der schon 1887 für 25.000 Mark erworben worden war. Die Gründung war somit mehr als ein administrativer Akt; sie schuf die Grundlage für ein neues spirituelles und soziales Zentrum, getragen von dem Wunsch, die seelsorgerische Arbeit wieder näher an die Menschen zu bringen. Mit der etablierten Gemeinde war nun der Weg frei, die Vision eines eigenen Gotteshauses in die Tat umzusetzen.

    Vom Wettbewerb zum Meisterwerk: Die Vision nimmt Gestalt an

    Der Bau einer neuen Kirche war in der bürgerlichen Gesellschaft der Gründerzeit mehr als nur ein funktionales Erfordernis; er war ein Ausdruck von Prestige, künstlerischem Anspruch und städtischem Selbstbewusstsein. Man wollte kein zweckmäßiges Gebäude, sondern ein repräsentatives Wahrzeichen schaffen. Dementsprechend professionell und ambitioniert wurde am 10. November 1897 ein überregionaler Architektenwettbewerb ausgeschrieben, der, wie die Unterlagen des Bauausschusses zeigen, auf enorme Resonanz stieß. Insgesamt 94 Entwürfe aus dem gesamten Deutschen Reich wurden eingereicht und von einer prominent besetzten Jury bewertet. Als Sieger ging das Dresdner Architektenbüro E. Giese & Sohn hervor. Sein Entwurf im Renaissancestil überzeugte den Kirchenvorstand: Man war beeindruckt vom „klaren zusammengedrängte Renaissancegrundriss“ und der durchdachten Anordnung der Nebenräume, die den Altarplatz vorteilhaft unterstützten. Auch die finanzielle Basis war, wie aus der Denkschrift hervorgeht, solide geplant. Eine Anfangssumme von 234.000 Mark stand bereits zur Verfügung, zusammengesetzt aus 175.000 Mark aus dem Verkauf des alten Johannisfriedhofs, 17.000 Mark aus dem Kirchbaufond, einem großzügigen Geschenk der Stadt über 30.000 Mark sowie 12.000 Mark an Rücklagen. Die veranschlagten Gesamtkosten von rund 400.000 Mark zeugten von der enormen Dimension des Vorhabens. Mit dem Vertrag in der Hand konnte der Kirchenvorstand nun den Blick vom Reißbrett ab- und dem Baugrund am Josephinenplatz zuwenden.

    Ein Gotteshaus aus Stein und Geist: Der Bau der Lukas-Kirche

    Annonce zur Grundsteinlegung

    Die Bauphase geriet zu einer Demonstration gemeinschaftlicher Anstrengung und handwerklicher Meisterschaft, bei der aus Plänen und Finanzmitteln ein greifbares Monument des Glaubens entstand. Die erhaltene Denkschrift listet detailliert jene Gewerke auf, die dieses Werk vollbrachten. Nachdem Anfang 1899 die ersten Erdarbeiten begonnen hatten, schritt das Projekt in beeindruckendem Tempo voran. Die feierliche Grundsteinlegung mit einem Publikum von mehreren tausend Personen am Pfingstdienstag, dem 23. Mai 1899, markierte den offiziellen Baubeginn. Zu den Gästen dieses Festaktes zählten neben Vertretern des Königlichen Konsistoriums auch Oberbürgermeister Dr. Beck, Stadtverordneten-Vorsteher Dr. Enzmann und Superintendent Fischer, das Oberhaupt der evangelischen Geistlichkeit der Stadt Chemnitz. Während des Festaktes läuteten sämtliche Glocken der evangelischen Kirchen der Stadt.

    Die Erd-, Maurer und Zimmererarbeiten oblagen dem Chemnitzer Baumeister Adolf Münnich (unter Mitwirkung der Firma G. Grau & Heidel), während die Firma Pöse & Gärtner aus Dresden die Terrakotta-Arbeiten ausführte und der Ingenieur Albert Wagner aus Chemnitz für die Heizanlage verantwortlich zeichnete. Im September begann man mit der Aufstellung des eisernen Kirchendachstuhles (Firma Kelle & Hildebrandt aus Dresden), im Oktober erfolgte dann der Aufbau des massiven Turmgerüsts. Und bereits am 1. November 1899 konnte die Gemeinde das Richtfest, die sogenannte Hebefeier, für den Dachstuhl feiern. Die anschließende Schiefereindeckung des Daches wurde von Dachdeckermeister O. Neumeister aus Chemnitz durchgeführt. Bis zum Winter 1899 war man so weit vorangeschritten, dass das Gebäude die nötige Form und Sicherheit für den weiteren Innenausbau erhielt.

    Ein besonderer Höhepunkt war der Guss der vier Bronzeglocken am 18. August 1900 in der renommierten Dresdner Gießerei von C. Albert Bierling. Ihre Weihe am 1. November 1900 war ein großes Fest für die Gemeinde. Nach der Fertigstellung des imposanten, 64,75 Meter hohen Turms bildete die feierliche Kirchweihe am 9. Januar 1901 den krönenden Abschluss. Neben einer großen Zahl an Gemeindegliedern nahmen zahlreiche namhafte Persönlichkeiten des kirchlichen und öffentlichen Lebens teil. Der Tag endete mit einem gemeinschaftlichen Festmahl im Restaurant Hohenzollern, bei dem sich Kirchenvorstand, Ehrengäste und Gemeindeglieder in festlicher Stimmung vereinigten. Zudem fand am Abend ein Festkonzert statt, bei dem der Zutritt für alle Bürger frei war.

    Das Gotteshaus war vollendet und bereit, mit Leben gefüllt zu werden. 1905 wurde die Kirche mit einem vom Dresdner Künstler Paul Hermann geschaffenen fünfteiligen Altargemälde geschmückt, das Heilige Abendmahl darstellend, finanziert aus Mitteln des Landeskunstfonds.

    44 Jahre Leben: Zwischen Gemeindefest und Garnisonskirche

    Mit ihrer Fertigstellung wurde die St. Lukaskirche schnell zu einem pulsierenden Zentrum für eine vielfältige Gemeinschaft. Ihre Ausstattung war Ausdruck des modernen Anspruchs, den die Gemeinde an ihr Gotteshaus stellte: Sie bot über 1.000 Sitzplätze, verfügte über eine elektrische Beleuchtung und eine Niederdruckdampfheizung – Annehmlichkeiten, die den Glauben an den technischen Fortschritt der Epoche widerspiegelten. Über ihre Funktion als zivile Pfarrkirche hinaus kam ihr eine besondere Bedeutung als Garnisonskirche für das in Chemnitz stationierte Militär zu. Wie aus den Akten des Kirchenvorstandes hervorgeht, wurde diese Verbindung im Laufe der Jahre institutionalisiert und mündete am 13. März 1936 in einen offiziellen Vertrag mit dem Reichs- (Wehr-) Fiskus über die Nutzung der Kirche, ein Beleg für ihre Verankerung im öffentlichen Leben einer zunehmend militarisierten Gesellschaft. Das rege Gemeindeleben ist durch erhaltene Dokumente eindrücklich bezeugt.

    Ansicht von der Josephinenstraße

    Doch die Geschichte war auch von den Umwälzungen des 20. Jahrhunderts geprägt. Eine weniger bekannte, in den Akten dokumentierte Tatsache ist das Schicksal der Bronzeglocken.

    Im Jahr 1917, infolge des ersten Weltkrieges, musste auch die Lukasgemeinde drei ihrer Bronzeglocken als Metallspende opfern – nur die kleinste verblieb noch einsam im Turm. Bald darauf ersann die Lukasgemeinde als Ersatz für den fehlenden Glockenklang das „Turmsingen“ vom Balkon der Glockenstube aus. Nicht jedermann in der näheren Umgebung war es wohl zum Gefallen und es gab Beschwerden beim Stadtrat, dieser verbot das Turmsingen am 13. Juni 1920 als Lärmbelästigung. Am 19. September 1920 konnten endlich neue Glocken geweiht werden, allerdings Stahlglockenglocken aus der Kunst- und Glockengießerei Lauchhammer, drei an der Zahl in der Tonfolge c‘-es‘-ges‘, ihre Gewichte 3000 kg, 1900 kg und 1050 kg. Die kleine Bronzeglocke aus dem Jahr 1900 wurde verkauft.

     

    Zerstörung und bleibendes Erbe: Das kurze Leben und lange Gedenken

    Die Geschichte der Lukaskirche ist eine schmerzhafte Erinnerung an die Zerbrechlichkeit städtischer Wahrzeichen und die Zerstörungskraft des Krieges. Für die Identität einer Stadt, die so viele ihrer gebauten Zeugnisse verloren hat, ist die Kultur des Erinnerns von unschätzbarem Wert. Das tragische Ende kam in der Nacht des 5. März 1945, als das Gotteshaus während des verheerenden Bombenangriffs auf Chemnitz von einer Luftmine getroffen wurde und bis auf die Grundmauern ausbrannte. 1947 wurden die Reste der Ruine schließlich abgetragen und die Kirche aus dem Stadtbild gelöscht.

    Die heimatlos gewordene Gemeinde wurde bereits am 1. Oktober 1945 offiziell wieder mit ihrer Muttergemeinde zur St. Petri-Lukas-Kirchgemeinde zusammengelegt. Trotz der vollständigen Zerstörung des Baus überdauerten einige wenige, umso kostbarere Zeugnisse: der Christuskörper des Altarkreuzes, die Altarleuchter und das Stahlgeläut von 1920. Diese geretteten Stücke fanden in der St. Petri-Kirche eine neue Heimat und stellen bis heute eine physische Verbindung zur verlorenen Kirche dar. Am ehemaligen Standort am Josephinenplatz erinnert heute ein Gedenkstein an das Gotteshaus. Es sind jedoch vor allem die Archive, die mit ihren Akten, Plänen und historischen Schriften – wie der detaillierten Denkschrift von 1902 – die Erinnerung bewahren. Es sind diese fragilen Dokumente, die dem steinernen Gedenken eine Stimme verleihen und sicherstellen, dass die St. Lukaskirche mehr bleibt als nur ein Name auf einer alten Stadtkarte.

    Quellen u.a.: Ausschreibung in Deutsche Konkurrenzen- Leipzig, 1898; Denkschrift für den Kirchweihjahrestag der St-Lukas-Kirche 1902; Beitrag von St. Weber in den Chemnitzer Seiten 2015; Aktenübersicht der Gemeinde im Kirchenarchiv Dresden; Beiträge in sächs. Tageszeitungen zu finden unter SLUB-Dresden.de;