Das Städtische Speisehaus in Chemnitz, im Volksmund auch als „Essac“ oder schlicht „Sac“ bekannt, war über Jahrzehnte hinweg eine zentrale Anlaufstelle für die Verpflegung der Stadtbevölkerung. Seine Historie von den Anfängen im 19. Jahrhundert, über die von schweren Wirtschaftskrisen geprägte Zwischenkriegszeit und ihrer teilweisen Zerstörung 1945 spiegelt das soziale und wirtschaftliche Schicksal der Stadt wider.

Die Wurzeln der Einrichtung liegen in den sogenannten „Hungerjahren“ 1846/47, als eine private Vereinigung die Speiseanstalt ins Leben rief, um bedürftigen Einwohnern eine preiswerte und qualitativ gute Verpflegung zu bieten. Zunächst rein privat geführt und über Spenden finanziert, ging die Einrichtung am 1. Januar 1851 in das Eigentum der Stadtgemeinde Chemnitz über und wurde fortan als öffentliche Anstalt weitergeführt. Ein Hausverwalter kümmerte sich um die Belange des Betriebs, eine Deputation der Stadtverordneten genehmigte den Einkauf aller „Victualien” (Lebensmittel). Wohltätige Personen und Einrichtungen sorgten immer wieder für willkommene Abwechslung bei der Armenversorgung. Sie spendeten Geldbeträge oder richteten Festessen aus.Wohltätigen Personen und Einrichtungen sorgten immer wieder für willkommene Abwechslung bei der Armenversorgung. Sie spendeten Geldbeträge oder richteten Festessen aus.

Um den stetig wachsenden Ansprüchen gerecht zu werden, erwarb die Stadtgemeinde schließlich das Grundstück Ziegelstraße 2 an der Ecke zur Brückenstraße. Nachdem im April 1913 die Stadtverordnetenversammlung 165.470 Mark für den Erweiterungsbau bewilligt hatte, begann man unverzüglich mit dem Teilabbruch des Altbaus und die Errichtung eines vierstöckigen Neubaus mit Verbindung zum Nachbargebäude. Während dieser Zeit wurde der Betrieb vorübergehend im alten städtischen Versorgungshaus an der Brückenstraße aufrechterhalten.

Am 1. April 1914 erfolgte die feierliche Inbetriebnahme des Neubaus – Adresse Brückenstraße 12, und die offizielle Umbenennung von „Städtische Speiseanstalt” in „Städtisches Speisehaus”. Das neue Gebäude verfügte über modernste Anlagentechnik. Eine leistungsfähige Dampfkesselanlage versorgte insgesamt neun Kochkessel – sieben große und zwei kleine – mit Dampf. Dadurch konnten bis zu 3.000 Portionen gleichzeitig zubereitet werden und zudem wurden die Speisesäle beheizt.
Der Erste Weltkrieg sowie die darauffolgende Nachkriegszeit führten zu gravierenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Erschütterungen, die auch den Betrieb des Speisehauses maßgeblich beeinflussten.

Durch kriegsbedingte Rationierungen und drastische Lebensmittelknappheit musste im Jahr 1916 die Einheitskost in Form von zusammengekochtem Essen eingeführt werden. Da der Andrang in der Notzeit massiv anstieg und die Kapazitäten des Haupthauses trotz des Neubaus nicht mehr ausreichten, wurden ab Mai 1916 dezentrale Volksküchen im Chemnitzer Stadtgebiet als Zweigstellen eröffnet. Auch während der krisenhaften 1920er Jahre, die von Inflation, Geldentwertung und sprunghaft steigender Erwerbslosigkeit geprägt waren, blieb das Speisehaus eine unentbehrliche Stütze der Bevölkerung. Allein im Dezember 1925/1926 stieg die Zahl der Erwerbslosen in Chemnitz innerhalb weniger Wochen von etwa 3.500 auf über 13.000 Personen an.
Der Betrieb wurde von der Stadtgemeinde geführt und durch Zuschüsse der evangelisch-lutherischen Missouri-Synode unterstützt. Die Anstalt verstand sich dabei als eine Art Hybridform zwischen den kommunalen Volksspeiseanstalten und der Nachkriegs-Quäkerspeisung. Der volkstümliche Name „Sac“ leitete sich von den auf die Speisegefäße eingebrannten Anfangsbuchstaben der „Städtischen Speise-Anstalt Chemnitz“ ab.

Mit der schrittweisen Aufhebung der Zwangswirtschaft kehrte das Speisehaus am 15. September 1921 wieder zu dem vor dem Krieg gewohnten Drei-Klassen-System zurück, was die Einrichtung deutlich von gewöhnlichen Volksküchen abhob. In der dritten Klasse im Parterre speisten die ärmsten Schichten, darunter gebrechliche Greise, erwerbslose Jugendliche und von sozialem Abstieg betroffene Personen. Für 15 Pfennig erhielten sie eine einfache Hausmannskost wie Spinat mit Kartoffeln im Emaillegeschirr nebst Blechlöffel, wobei zusätzlich 30 Pfennig Pfand entrichtet werden mussten und das Essen bei Andrang häufig im Stehen verzehrt werden musste. Die zweite Klasse im zweiten Obergeschoss richtete sich an Arbeiter, Hausierer oder Erwerbslose mit kleineren Ersparnissen, die für 35 Pfennig kräftigere Suppen oder Eintöpfe aus Zinnkesseln erhielten und diese im Sitzen zu sich nahmen. Im ersten Obergeschoss befand sich die erste Klasse für gering besoldete Angestellte und bessere Handwerker in ordentlicher Kleidung. Für 70 Pfennig wurde ihnen ein vollwertiges Menü wie Gulasch mit Salzkartoffeln und Kompott auf Steingutgeschirr serviert, wobei sie von Hilfsschwestern direkt am Tisch bedient wurden.

Am 21. Januar 1922 blickte das Speisehaus somit auf ein 75-jähriges Bestehen zurück, was im Rahmen einer schlichten Feier und einer kostenlosen Bewirtung für bedürftige Bürger gewürdigt wurde.
In den kommenden Jahren stellte man Einrichtung der Speisesäle grundlegend um. Alles Anstaltsmäßige, besonders die langen Tische und Bänke, die den Speisesälen den bekannten kahlen und öden Volksküchencharakter gaben, wurden entfernt und durch Stühle und runde Tische ersetzt.
Geöffnet war das Speisehaus ab 8:00 Uhr früh, der tägliche Speisebetrieb begann vormittags gegen 11:00 Uhr und dauerte bis 13:30 Uhr, wobei viele Frauen und Kinder die Speisen in Henkeltöpfen für die eigene Familie oder für arbeitende Angehörige in den Fabriken abholten. Abendspeisung erfolgte von 16:30 Uhr bis 18:00 Uhr, Getränke konnte man bereits ab 15:00 Uhr bekommen.

Im Gebäude selbst galt eine strenge Hausordnung mit einer maximalen Aufenthaltsdauer von einer Stunde sowie ein striktes Rauch- und Alkoholverbot, während Männer beim Betreten die Kopfbedeckung abzunehmen hatten. Während der Betrieb in der ersten und zweiten Klasse stets ruhiger verlief, kam es im Parterre aufgrund der Überfüllung und der sozialen Notlage häufiger zu Konflikten und Handgreiflichkeiten, weshalb dort ein verschließbares Eisengitter angebracht war und gelegentlich die Polizei einschreiten musste. Trotz der großen Kapazitäten, der sauberen Zubereitung und der schmackhaften Kost lag die tägliche Nutzerzahl Mitte der 1920er Jahre oft nur bei etwa 500 bis 1.000 Personen. Ursache hierfür war eine tiefsitzende gesellschaftliche Abwertung und Ausgrenzung. Das Speisehaus galt bei vielen als letzte Zuflucht und man schämte sich, dort zu essen, solange man sich zu Hause noch mit trockener Verpflegung durchschlagen konnte. Zudem befürchteten viele Gäste den sogenannten „Zug nach unten“, also den schrittweisen Abstieg von der ersten über die zweite in die dritte Klasse. Trotz dieses unberechtigten Vorurteils blieb das Städtische Speisehaus mit 270.000 ausgegebenen Mahlzeiten im Jahr 1926 ein zentraler und unverzichtbarer Bestandteil der Chemnitzer Sozialinfrastruktur.
Innenansichten des Städtischen Speisehauses aus dem Erzgebirgs-Verkehr 1931/1932
Das Gebäude wurde auch aufgrund des einkehrenden Klientels zu einem Brennpunkt der Kriminalität. Ein Beispiel hierfür ist diese Anzeige:

„Chemnitz, 6. April 1932. Polizeirazzia im Städtischen Speisehaus. In der 10. Stunde des Mittwochvormittag unternahm die Chemnitzer Schutzpolizei gemeinsam mit Kriminalbeamten eine glänzend organisierte Razzia nach Glücksspielern und anderem lichtscheuen Gesindel im Städtischen Speisehaus an der Brückenstraße, in das sich auch jene Arbeitslosen verzogen hatten, die vor der polizeilichen Aushebung dieser Spielhölle ihre Wohlfahrtsunterstützungen in den Anlagen des Karl-Marx-Platzes zu verspielen pflegten, während daheim Frau und Kinder hungerten. Die Polizei erschien vollkommen unerwartet mit einer großen Anzahl Überfallwagen und sperrte den gesamten Häuserblock ab, so daß die Spieler in den Speise- und Aufenthaltsräumen nicht wenig überrascht waren, als sie sich plötzlich von einem starken Polizeiaufgebot umringt sahen. Die Polizei mußte rund 100 Personen festnehmen, bei denen man teilweise auch Diebesgut und verbotene Waffen fand.“
In den darauffolgenden Jahren bis 1939 kam es zu einem erheblichen Rückgang der Erwerbslosigkeit. Die auf verschiedenen Gebieten zu beobachtende Besserung der allgemeinen Wirtschaftslage wirkte sich auch auf den Speisehausbetrieb aus. Da die Gefolgschaft jetzt anderweitig eingesetzt wurde, schränkten verschiedene städtische Stellen, die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen durchzuführen hatten, auch die Essensentnahme ein. Nebenher stellte das Speisehaus Suppen für die Schulkinderspeisungen her. Der Speisehaus trug sich wie in den früheren Jahren in dieser Zeit selbst.
Während des Zweiten Weltkriegs standen die Speiseanstalten unter der Leitung der NS-Volkswohlfahrt (NSV). Sie übernahmen weiterhin die Versorgung Bedürftiger mit Essen, wurden unter anderem für Propagandazwecke wie den „Eintopfsonntag“ genutzt und trugen zur staatlichen Lenkung der kriegswichtigen Lebensmittel bei.
Ansichten der Situation an der Brückenstraße 1963-1966
Nach 1945 wurde das Speisehaus, das die Zerstörung teilweise überstanden hatte, noch einmal notdürftig instand gesetzt.
Die Ernährungslage war nach dem Zweiten Weltkrieg katastrophal. Zwar gab es noch immer Lebensmittelkarten, doch häufig waren die Produkte gar nicht erhältlich. Wie viele andere zogen auch die Chemnitzer damals aufs Land, um zu hamstern. Sie tauschten Lebensmittel auf dem Schwarzmarkt oder griffen nach allem Essbaren, das die Natur hergab. Das Essen aus dem Speisehaus war für viele Menschen lebensnotwendig geworden. Viele Besucher kamen hierher, da ihnen das Geld für den Alltag fehlte. Das Essen wurde zu einem geringen Preis ausgegeben und sogar ohne Lebensmittelmarken. Es war die einzige Möglichkeit, etwas Warmes zu sich zu nehmen. Wie das dort erhältliche Essen beschaffen gewesen sein muss, zeigt der wenig schmeichelhafte Spitzname „Speiwinde“, der sich von „speien“ und „sich winden“ ableitet und den die alten Chemnitzer noch in Erinnerung haben.
Wann das Speisehaus geschlossen wurde, konnte ich bisher nicht in Erfahrung bringen.
Zum Glück sind uns diese wertvollen Aufnahmen erhalten, die die Situation an der ehemaligen Brückenstraße zeigen. Im Jahr 1965 wurden diese Gebäudereste im Zuge des Ausbaus zur Karl-Marx-Allee abgerissen.
(Quellen u.a.: Sächsische Dorfzeitung und Elbgaupresse 9. Januar 1926; Erzgebirgs-Verkehr 1931-32; Verwaltungsberichte der Stadt Chemnitz 1913-1937; Bilder aus der Sammlung Chemnitzer Hobbyhistoriker)