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Barkas-Express 800

    Festpostkarte 1965 mit dem Barkas-Express

    Ein motorisiertes Geschenk für Karl-Marx-Stadt: Die Geschichte des „Express-800“

    Im Jahr 1965 erlebte Karl-Marx-Stadt mit der 800-Jahrfeier das prachtvollste Fest seiner Nachkriegsgeschichte, das unter dem Slogan „UNSERE STADT – 800 JAHRE ALT UND DOCH SO JUNG“ stand. Mit diesem Slogan wollte man die lange Geschichte der Stadt mit der erst zwölf Jahre zuvor erfolgten Umbenennung in Karl-Marx-Stadt verknüpfen. Es sollte der Eindruck einer sozialistischen Metropole entstehen, die trotz ihrer alten Wurzeln durch das neue Gesellschaftssystem verjüngt wurde.

    Die Wahl des Jubiläumsjahres war dabei stark politisch motiviert: Die SED-Führung legte das Jahr 1165 als Gründungsdatum fest, um die Feierlichkeiten symbolträchtig mit dem 20. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs zu verknüpfen. Diese zeitliche Einordnung basierte auf der historischen Überlieferung, dass Kaiser Barbarossa im Jahr 1165 in Altenburg weilte und in diesem Zuge vermutlich verschiedene Städte, darunter Chemnitz, gründete. Die Wahl von 1165 diente auch dazu, die Traditionslinien zum bürgerlichen Chemnitz zu verwischen. Historisch ist bekanntlich belegt, dass der Stadt bereits 1143 das Marktrecht verliehen wurde, was die eigentliche urkundliche Ersterwähnung darstellt und worauf man sich bereits beim 750-jährigen Jubiläum im Jahr 1893 bezogen hatte.

    Das Jubiläum wurde schließlich unter der Schirmherrschaft von Walter Ulbricht als gigantische Selbstdarstellung inszeniert, um die Aufbauleistung der DDR und den Wandel von einer Stadt der „Unterdrückung und Ausbeutung“ hin zu einer modernen Industriestadt zu feiern.

    Während die Stadt ihre Erfolgsbilanz in einem gigantischen Festumzug mit 17.000 Teilnehmern präsentierte, rollte ein ganz besonderes technisches Highlight durch die Straßen: der „Express-800“.

    In der Werkstatt an der Kauffahrtei wurde der Express-800 gebaut

    Dieses einzigartige Fahrzeug war ein Geschenk der Werktätigen des VEB Barkas-Werke, die damit ihren Stolz auf ihre Heimatstadt zum Ausdruck bringen wollten. Die Entstehung des Gliederzuges war eine außergewöhnliche kollektive Leistung, die im Rahmen des Nationalen Aufbauwerks (NAW) vollbracht wurde. In einer beispiellosen Rekordzeit von nur zwei Monaten konstruierten und bauten die Arbeiter den Zug, wobei sie beeindruckende 9.000 NAW-Stunden investierten. Besonders bemerkenswert ist, dass diese Arbeit größtenteils in der Freizeit nach dem regulären Feierabend geleistet wurde. Das Engagement des Kollektivs, das bereits den Orden „Banner der Arbeit“ trug, war so groß, dass sogar Mitarbeiter, die nicht direkt am Bau beteiligt sein konnten, das Projekt durch Geldspenden unterstützten.

    Technisch gesehen war der „Express-800“ eine raffinierte Eigenregie-Fertigung, da kein passendes Serienmodell für einen offenen Aussichtswagen existierte. Die Arbeiter schnitten eine Barkas B1000 Kastenkonstruktion auf und ergänzten sie um einen optisch identischen, zweiachsigen Anhänger, sodass ein 12 Meter langer Zug entstand. Angetrieben von einem 50 PS starken Wartburg-Motor, erreichte das sechs Tonnen schwere Gespann Geschwindigkeiten von bis zu 50 km/h, wobei es speziell für gemütliche Stadtrundfahrten ausgelegt war. Für die nötige Sicherheit sorgte eine eigens installierte Luftdruckbremse.

    Auch das Design spiegelte die Liebe zum Detail wider: Der Zug erstrahlte in der Farbe Rohrgelb, verziert mit feinen roten Nadelstreifen. Im Inneren fanden bis zu 32 Fahrgäste auf schaumgummigepolsterten Stahlrohrsitzen mit rotem Kunstlederbezug Platz. Ein integriertes Sonnendach bot Schutz, während eine Lautsprecheranlage dazu diente, die Passagiere über die Sehenswürdigkeiten und den Fortschritt der Industriemetropole zu informieren.

    Stolz präsentieren die Barkas-Werker ihr Geschenk an die Stadt

    Der Erfolg dieser Mühen war überwältigend: Nach der Übergabe am 18. Juni 1965 nutzten bis Mitte Oktober desselben Jahres bereits über 32.000 Fahrgäste den „Express-800“ für Rundfahrten. Dazu war an der Straße der Nationen/ Brückenstraße eine Abfahrtsstelle für diese Touren eingerichtet worden. Der Minizug fand über Jahre hinweg regen Zuspruch und erfreute sich in den wärmeren Monaten großer Beliebtheit bei den Karl-Marx-Städtern und ihren Gästen. Zunächst übernahmen Angestellte des VEB Nahverkehr während der Rundfahrten die Erläuterungen zum Neuaufbau und den Sehenswürdigkeiten. Später, nach Fertigstellung der „Karl-Marx-Stadt-Information“ zum 1. September 1966, übernahmen deren Mitarbeiter diese Aufgaben. Die Abfahrtsstelle wurde auch vor das Gebäude verlegt, wo später auch die Stadtrundfahren mit den neuen Ikarus-Bussen starteten.

    Der „Express-800“ wurde weiterhin vom VEB Nahverkehr gepflegt und repariert. Zwischen 1974 und 1976 wurde das Fahrzeug ausgesondert. Seine letzte Spur verliert sich in einem Kindergarten auf der Schulstraße, den es heute nicht mehr gibt. Das Fahrzeug kam als Spielgerät dorthin.

    Während spätere Jubiläen, wie die 875-Jahrfeier im Jahr 2018, wieder auf die historisch belegte Ersterwähnung von 1143 zurückgriffen, bleibt der „Express-800“ ein bleibendes Symbol für den technischen Stolz und die Innovationskraft der Barkas-Werker in der Ära von Karl-Marx-Stadt.

    Jenseits von Karl-Marx-Stadt prägten ähnliche Barkas-basierte Routenzüge vor allem das touristische Bild in Weimar (Belvedere-Express) und Schwerin (Petermännchen-Express).

    In Dresden entwickelten spezialisierte Karosseriebaubetriebe wendige Personensattelzüge für Rundfahrten durch die historische Altstadt. Darüber hinaus dienten modifizierte Gespanne in Städten wie Aschersleben und Berlin primär als Wegebahnen zur Erschließung weitläufiger Parkanlagen und Zoos. Während der Leipziger Messe kamen Barkas-Sonderfahrzeuge oft als Shuttle oder für Besichtigungstouren auf dem Messegelände und in dessen Umfeld zum Einsatz. Diese technisch kreativen Sonderbauten nutzten die robuste Rahmenbauweise des B-1000, um trotz der limitierten Motorleistung eine effiziente und publikumsnahe Präsentation lokaler Sehenswürdigkeiten und Großveranstaltungen zu ermöglichen.

    Quellen u.a.: Artikel der Freien Presse vom 19. Juni 1965; Buch von Günter Weissflog: „Chemnitz – meine Stadt in Bildern“ -2004; Sammlung Chemnitzer Hobbyhistoriker

    Ein besonderer Dank geht an die Marketingabteilung der CVAG und an das Industriemuseum Chemnitz für die Unterstützung.