Das Central-Theater Chemnitz

Gesamtansicht des Gebäudes an der Zwickauer Straße

So wie sich Chemnitz am Anfang des 20.Jahrhundert entwickelte, wuchsen auch die Bedürfnisse zur gesellschaftlichen und kulturellen Unterhaltung in der Stadt. Bis dahin existierten in Chemnitz als feste Spielstätte nur das Stadttheater (oder Schauspielhaus) auf der Theaterstraße und als Sommertheater das Thaliatheater, in dem unter der Leitung des Stadttheaterdirektors Richard Jesse meist Operetten und Lustspiele zur Aufführung gelangten. Zudem gab es noch das Varieté im „Mosella-Saal“ in der Innenstadt und das Varieté im „Wintergarten“ in Schönau.

Die Geschichte des Central-Theaters, dieses imposante Gebäude mit seiner reichdekorierten Fassade im Jugendstil, das wir schon aus verschiedenen Abbildungen kennen, möchte ich in diesem Beitrag näher vorstellen. Es stand gegenüber genau gegenüber des Metropoltheaters an der damals noch engen Zwickauer Straße.

Tiefbauunternehmer Moritz Krause aus Chemnitz plante schon seit längerer Zeit, ein mit allem Komfort ausgestattetes Varieté-Theaters zu errichten. Hierzu schienen ihm die seither der Firma M. Posner gehörigen, an der Zwickauer Straße Nr. 24- 30 gelegenen Grundstücke am geeignetsten, und es wurden diese auch im Januar 1901 von Herrn Krauße käuflich erworben.

Straßenansicht landwärts

Zur selben Zeit fand Herr Krause in Herrn Friedrich Reichel nicht nur einen gleichgesinnten, treuen Berater, sondern auch einen schaffensfreudigen Mitunternehmer, dem sich Herr Wilhelm Tränkmann mit regem Interesse tatkräftig zur Seite stellte. Von genannten Herren wurden unverzüglich alle nötigen Unterhandlungen eingeleitet, um Genehmigung beim Rat der Stadt Chemnitz nachgesucht und verschiedene Orientierungsreisen unternommen. Diese, namentlich aber eine Besichtigung des Apollo- Theaters zu Düsseldorf ließen den Entschluss reifen, das Projekt in der jetzt bestehenden Form zur Ausführung zu bringen. Die mit den Dresdner Architekten William Lossow und Hermann Viehweger inzwischen aufgenommenen Verhandlungen kamen zum Abschluß, die Firma wurde mit Anfertigung aller Zeichnungen und Übernahme der Bauoberleitung betraut. Nach Verlauf von wenigen Monaten traten als Mitarbeiter Herr Baumeister H. A. Müller und Herr Kaufmann Arno Lorenz als Gesellschafter hinzu. Nachdem auch über den Gesellschaftsvertrag Beschluß gefasst worden war, wurde das Unternehmen am 30. September 1901 unter der Firma: Central-Theater, G.m.b.H., handelsgerichtlich eingetragen, wobei man Herrn Friedrich Reichel zum Vorstand und Herrn Moritz Krause als dessen Stellvertreter ernannte. Erstaunlich ist, mit welcher Schnelligkeit das Etablissement seiner Vollendung entgegengeführt wurde, denn schon nach Verlauf eines Jahres, vom ersten Spatenstich an angerechnet, stand der Prachtbau fertig da, ein erstklassiges Unternehmen, auf das Chemnitz stolz sein durfte.

Zur Eröffnung des Central-Theaters, jetzt postalisch Zwickauer Straße 24,  fand eine Festvorstellung am Abend des 6.Dezember 1902 vor knapp 1.800 Zuschauern statt. Auf besondere Einladung hatten sich bereits mittags eine Anzahl Herren, meist Vertreter der königlichen und städtischen Behörden, des Offizierskorps und der Finanz- und Handelswelt, zu einer Besichtigung des Etablissements eingefunden.

Erste Werbeanzeigen vom Dezember 1902 im Burkhardtsdorfer Anzeiger
Erste Werbeanzeigen vom Dezember 1902 im Burkhardtsdorfer Anzeiger

Die obenstehenden Ansichten zeigen die Fassadengestaltung mit ihren filigranen Jugendstilelementen.

Artistischer Leiter des Varietés wurde H. Blum, ökonomischer Leiter (oder Wirtschaftsdirektor) Richard Winkler, der früher in ähnlicher Stellung in Leipzig und in Görlitz tätig war.

Zeichnung des Theaterraumes mit Sitzplan (Chemnitzer Adressbuch 1922)

Ein paar technische Daten zum Gebäude und Theater selbst:: Die Baukosten betrugen ca. 1,5 Millionen Reichsmark. Die bebaute Grundfläche wurde mit 2.400m² angegeben. Der prächtige Mittelbau wurde als 2-Rangtheater mit bühnennahen Logen ausgeführt, besaß Dampfheizung und Ventilatoren zum Absaugen der Luft. Es war damals noch üblich, während der Vorstellung noch Rauchen zu dürfen. Das Parkett war 575 m² groß, mit insgesamt 798 Sitz- und 70 Stehplätzen, im ersten Rang waren 352 und im zweiten Rang 641 Sitzplätze vorhanden. Die Bühnengröße betrug insgesamt 265 m², die Bühnenhöhe 17,5 m, zudem waren außerhalb nach 1.300 m² Magazinfläche vorhanden. Der Hauptvorhang, den Joseph Goller-Dresden gemalt hat, zeigte in glühenden Farben eine Art antikes Naturtheater, inmitten eine Göttin aus Erz aus niedrigem Sockel, welche von Frauengestalten, in lose Schleier gehüllt, mit Rosengirlanden geschmückt wurde. Der Orchesterraum war vertieft angelegt und konnte 30 Musiker aufnehmen. Zum Ensemble gehörten weiterhin Solisten, ein Chor und eine Tanzgruppe. 1941 ist von insgesamt 154 Mitarbeitern die Rede, einschließlich technischer Kräfte, wie Bühnenarbeiter, Garderobiers u.a. und Verwaltung mit 11 Angestellten.

Im  Erdgeschoß waren neben dem Haupteingang 2 Restaurationsbetriebe untergebracht. Links das Theaterkaffee, rechts das Weinrestaurant. Beides jeweils selbst bewirtschaftet und nicht verpachtet. Die beiden oberen Geschosse des Gebäudes beherbergten Wohnungen. Die folgende Bildergalerie vermittelt einen Eindruck der großzügigen Innenausstattung des Central-Theaters.

Lange Jahre gehörte das Chemnitzer Central-Theater mit zu den ersten Bühnen seiner Gattung in Deutschland. Zahlreiche artistischen Größen, auch zahlreiche internationalen Bühnenkünstler wie die Franzosen Sarah Bernhardt, Coquelin und Rejane gastierten im Hause.

Opulente Bühnenshows, sogar mit Elefantendressuren, prägten die ersten Jahre. Nachdem zuerst 1902 und 1903 einige Berliner Bühnen mit Operette, Ausstattungsposse und französischem Schwank darin gastiert hatten, pachtete Richard Jesse, der damalige Direktor des Chemnitzer Stadt- und Thalia-Theaters, von 1904 ab auch für mehrere Sommer das Central-Theater, um es für sieben Jahre mit zwei Unterbrechungen gemeinsam mit dem alten Thalia-Sommertheater als „Vereinigte Chemnitzer Sommerbühnen” zu führen. Nach Jesses Rücktritt war Richard Tauber gleichfalls Sommerpächter des Central-Theaters, das durch den Weltkrieg gezwungen war, seinen Charakter als Varieté ganz abzustreifen und von 1914 an mit den anderen Chemnitzer Städtischen Bühnen als Operettentheater vereinigt wurde. Diese Vereinigung wurde nach über zehnjährigem erfolgreichem Bestehen wieder gelöst. 1925 wurde das Central-Theater, dessen geschäftliche Leitung bis dahin ständig Direktor Blum in Händen hatte, wieder seiner alten Bestimmung als Varieté zurückgegeben.

Von Zeit zu Zeit wurden die Varietéspielpläne durch Gastspiele von Operetten- und Revuegesellschaften abgelöst. Wiederholt hatte Direktor Blum, auch schon früher in der Vorkriegszeit, namentlich bei verschiedenen Jubiläen kleine lokale Revuen aufführen lassen und es außerdem verstanden, durch nächtliche Kabarettvorstellungen, Theaterbälle, usw. das nicht nur von allen Chemnitzern, sondern auch von dem Fremdenpublikum geschätzte schöne Haus in der Zwickauer Straße zu einem beliebten Mittelpunkte anregender großstädtischer Geselligkeit zu machen. 1933, bei der Machtergreifung der Nationalsozialisten – mehr als 30 Jahre hatte er die künstlerische Leitung inne – wurde Blum seines Amtes erhoben. Noch bis 1944 waren Aufführungen im Theater möglich, schließlich während des Bombenangriffes am 6.März 1945 wurde das Gebäude total zerstört. Nur ganze 43 Jahre hatte es Bestand, ein architektonisches Kleinod, das das Bild und die Kulturlandschaft des damaligen Chemnitz prägte.

(Quellen: Zschopauer Anzeiger, Dresdner Nachrichten – diverse Ausgaben 1902-1903 – zu finden unter SLUB-Dresden.de, Buch: Chemnitz in Wort und Bild 1911, Dokumente des Architekturmuseums der TU Berlin)