Wintergarten Schönau

Vor kurzem habe ich Reichels Neue Welt in Altchemnitz als bekannte ehemalige Vergnügungsstätte im Chemnitzer Süden vorgestellt. Auch im Chemnitzer Westen gab es, schon ein paar Jahre eher, eine ebenso bekannte Lokalität. Diese möchte ich meinen geneigten Besuchern näher bringen.

Der „Wintergarten“ in Schönau

Annonce 1884

1866 erbaute Ernst Richter an der Zwickauer Straße das Ausflugs-, Konzert- und Tanzlokal „Wintergarten“ in Schönau. Das Grundstück lag jedoch damals noch weit außerhalb der heutigen Stadt. Ein nicht unerheblicher Weg hinaus entlang der noch unausgebauten Chaussee.
Pferdefuhrwerke mussten die Gäste hinaus bringen. Auf Bestellung bei Herrn Richter konnten Vereine und Gesellschaften durch sogenannte „Omnibusse“ (mehrsitzige Pferdewagen) abgeholt werden. Ausreichende Stallgebäude waren für die Pferde dazu vorhanden.
Richter erschuf einen der besuchtesten Erholungsplätze von Chemnitz und Umgebung mit mehreren Gärten. Ein Rosengarten im vorderen Bereich, dazu tausende blühende Pflanzen, gezogen in der eigenen Gärtnerei, im oberen Garten. Im Hintergrund beherbergte dieser ein großartiges Panorama, den Vesuv bei Neapel darstellend. Dieser brach zur besonderen Belustigung an Wochenenden und zu besonderen Anlässen aus. Wie das vonstatten ging, wurde leider nicht beschrieben.
Dazu kam der Wintergarten, der mit 2 Sälen für Konzert, Theater und Ball, Fontänen, einer Efeugrotte und effektvoller Dekoration in Form einer Schweizer Landschaft mit Alpenglühen, dem Namen des Lokals alle Ehre machte.

Mit der Endstelle der Pferdebahn ab 1880 hatte das Etablissement, wie das Pendant in Altchemnitz, den Zubringer genau vor der Tür. Was natürlich die Begehrlichkeiten des Eigentümers in neue Dimensionen trieb. Er wollte seinen Geschäftsbetrieb erweitern. 1884 stellte Ernst Richter an die Kammer des Sächsischen Landtages eine Petition zur Erweiterung seiner Befugnisse zum Halten öffentlicher Tanzmusik. Diese wurde jedoch abgelehnt. Doch auch ohne diese entwickelte sich der „Wintergarten“ prächtig. Bis zu 6.000 Personen konnte die ständig erweiterte Anlage fassen.

Im November 1892 kaufte dann der ehemalige Reichenbacher August Knorr für über 400.000 Mark die vielbesuchte Wirtschaft.
Er entwickelt eigene Konzepte, stattet das bekannte Konzert- und Balllokal mit einem Varieté-Theater aus, das sich weit über die Grenzen Sachsens hinaus einen guten Ruf erwirbt.
Anfang 1899 geht der „Wintergarten“ dann in den Besitz des Dresdner Clemens Fischer über, der ebenfalls reiche Erfahrungen auf dem Gebiete der Varietés besitzt. Stolze 550.00 Mark soll er damals bezahlt haben.
Er verspricht zur Eröffnung vom 2.-16. April ein reichhaltiges Programm mit Humor, Gesang und akrobatischen Künsten als Kunstgenuß ersten Ranges.
Mit dabei sind u.a. ein Dompteur Mr. Herkenrath mit seiner Tiergruppe, der als Höhepunkt einen Elefant als Radfahrer präsentierte. Ferner traten 8 Araber, die bereits im Berliner Wintergarten-Varieté gearbeitet haben, mit Beduinensprüngen, Wirbeltänzen und Kraftpyramiden auf, die das hiesige Publikum verzauberten.
Auch finden am 23.4.1899 erstmals Ballonaufstiege vom Wintergarten statt.
Herr Fischer hatte Paul Spiegel für 2 Auffahrten gewonnen. Tausende Schaulustige strömten nach Schönau, ein wohlüberlegter Schachzug des neuen Eigentümers.
Und in den Wintermonaten zeigt Clemens Seeber seine „Lebenden Fotografien“ mehrfach im Saal des Wintergartens. Im März 1900 gestaltet er mit seinen überarbeiteten Filmvorführapparaten, „Seeberographen“ genannt, sogar eine vollständigen Variete-Vorstellung mit 11 Bildern.

1901 dann der nächste Besitzerwechsel. Der Dresdner Gastronom Lorenz kauft den „Wintergarten“ für 600.000 Mark.
Nach anfänglich weiterhin gutem Erfolg wird es für Ihn nicht rentabel und seine Gläubiger drängen auf Begleichung der offenen Forderungen.
Die Actien-Lagerbier-Brauerei zu Schloßchemnitz und der Bierverleger Georg Haubold erwerben 1908 aus der Zwangsversteigerung heraus das Objekt. Als neuen Pächter wird Albert Dettmeyer ab diesem Jahr in den Adressbüchern geführt.
Ein Höhepunkt in der Geschichte des Hauses wird der Parteitag der Sozialdemokratische Partei Deutschlands vom 15.-21. September 1912. Beratungen der Abgeordneten dazu finden in den Räumen des Wintergartens, in der Festhalle auf der Radrennbahn Altendorf und auch im Volkshaus Colosseum (späteres Haus der Einheit auf der Zwickauer Straße) statt.
Aber auch andere Vereine und Gesellschaften nutzen noch das Haus, so im Juni 1913 der Verein deutscher Buchdrucker, der seine Chemnitzer Mitglieder zum Johannisfest mit Gartenkonzert und Ball einlädt.

Der 1. Weltkrieg mit seinen Auswirkungen trifft das Gebäudeensemble hart, der Weiterbetrieb wird eingestellt. Am 25.September 1918 schließt die Gast- und Vergnügungsstätte für immer Ihre Pforten. Ein Stück Chemnitzer Lokalgeschichte verschwindet.

Kurz davor hatten die Wanderer Werke das gesamte Grundstück erworben und verfolgten damit eine Erweiterung ihrer Anlagen.
Die Gebäude wurden als Speisesaal, Büros und als Werkstätten genutzt. Mit der Errichtung des sogenannten „Addiermaschinenbau“ längs der Zwickauer Straße wurden 1936/37 erste Gebäudeteile des ehemaligen Lokales abgerissen. 1945 wurde ein weiterer Gebäudeteil von Bomben zerstört. Abrißarbeiten folgten ab 1955-57, mit der Errichtung des großen Sozialgebäudes. 1995 wurden das letzte der Gebäudeteile nach einem Brand abgerissen.
Heute erinnern nur noch Kastanienbäume im Kreuzungsbereich zur Jänickestraße als letztes Relikt an den einstmals beliebten Wintergarten.

(Quellen: diverse Tageszeitungen, Adressbücher der Stadt Chemnitz zu finden unter SLUB-Dresden.de; Buch “Siegmar-Schönau – Die Stadt vor der Stadt. Eine Chemnitzer Stadtteilgeschichte” Dank an Patrick Lohse, u.a.)