Der Schiefersche Gasthof – Das Waldschlösschen

J.G.Schiefers Gasthof in Hilbersdorf – aus Wieck, Sachsen in Bildern, 1841

Neben den Gasthöfen in der Inneren Stadt gab es im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts einige schöne Ausflugsziele für die Chemnitzer. Den „Wind“ an der Stollberger Chaussee hatte ich Ihnen schon näher gebracht. Ein weiterer war „Schiefers Gasthof“ – später das „Waldschlößchen“ in Hilbersdorf. Es befand sich stadtauswärts auf der linken Seite kurz nach der heutigen Margaretenstraße. Schauen wir auf die Geschichte.

Bereits 1826 bewarb sich ein Herr Sättler um das Schankrecht an der damaligen Dresdner Chaussee, die schon lange als wichtige Durchfahrtsstraße galt. Nach dessen Tode erhielt die Witwe 1828 die beantragte Konzession. Sie verkaufte diese an Georg Schiefer, der bis 1833 einen großen Straßengasthof errichtete. Ort und Zeit waren hierfür günstig gewählt, denn bald wurde dieser Gasthof zur Versorgungsbasis für das im Aufstieg befindliche Steinmetzgewerbe im Zeisigwald.

An Wochenenden und Feiertagen trafen sich hier die unternehmungslustigen Chemnitzer zur Tanzmusik In „Schiefers Gasthof“. Ein gern und fleißig besuchter Vergnügungsort entwickelte sich, wie es Wieck in seinem Band „Sachsen in Bildern“ 1841 beschreibt.

Das Jahr 1849 bringt den Abschied der jetzt ebenfalls verwitweten Frau Schiefer zum Osterfest. Im Chemnitzer Anzeiger des Jahres erfahren wir so manche Einzelheit. Schon damals lies sie ab dem Gasthof Goldener Anker (heute etwa der Standort des Gebäudes der Eins Energie an der Ecke Dresdner/Augustusburger Straße) eine Pferdedroschke als kleinen Anreiz zum Besuch fahren.

In der Veröffentlichung zur anberaumten Versteigerung am 04.April 1849 wird auch das Grundstück beschrieben: 15 Acker und 266 Quadratruten Felder, Garten und Werkstückensteinbruch (entspricht ca. 67.600m²!) auf dem 513 Steuer-Einheiten haften. Ein beträchtliches Areal, das im November dann von Friedrich Kretzschmar, dem Wirt des Gasthofes „Stadt Wien“ (vormals der „Schwarze Bär“ in der Klostergasse) ersteigert wird.

1852 wechselt erneut der Besitzer. Der rührige ehemalige Braumeister Weber aus Niederrabenstein kaufte das Anwesen, nannte es „Waldschlößchen“ und errichtete bald gegenüber der Straße die „Waldschlößchenbrauerei“, die mittlerweile auch abgerissen wurde.

Ab 1859 wird der Gasthof – Brandkatasternr. 59 der Gemeinde Hilbersdorf – an Louis Uhlig verpachtet, der ihn 30 Jahre lang führt.

Um 1865 teilte Weber seinen Besitz auf seine beiden Söhne auf. Heinrich erhielt die Brauerei, Wilhelm übernahm den Gasthof. Letzterer war der in Hilbersdorf bekannte Steinmetzmeister, auch langjährig als ehrenamtlicher Gemeindevorstand tätig. Nach ihm wurde die Wilhelm-Weber-Straße benannt. Aufmerksamkeit erweckte die bereits 1868 installierte eigene Gasbeleuchtung des gesamten Lokals, einschließlich der Illumination des Gasthofgartens und des nahen Turnplatzes.

1884 wurden vom Allgemeinen Erziehungsverein zu Chemnitz Möglichkeiten gesucht, armen, schwächlichen und kränklichen Kindern einen Erholungsaufenthalt zukommen zu lassen. Neben Ferienkolonien im Erzgebirge konnten auch 2 Stadtkolonien errichtet werden. Das „Waldschlößchen“ wurde eines davon. Während der Ferien konnten täglich 43 Kinder mit jeweils 1 Lehrer/Lehrerin ein paar schöne Stunden in freier Natur verbringen.

1889 übernimmt Justus Uhlich, ehemaliger Wirt des Gasthauses „Wiesenthal“ in Chemnitz das Gasthaus und Garten-Etablissement, postalisch jetzt die Dresdner Straße 9.

Unter der rührigen Tätigkeit dieser Wirte entwickelte sich das Unternehmen zu einem beliebten Ausflugs- und Vergnügungslokal der Chemnitzer und zu einem gern genutzten Treffpunkt der Bürger des noch selbständigen Hilbersdorfs. Schützenfeste, Turnfeste, Blasmusikkonzerte, Tanz- und viele sonstige Veranstaltungen, machen s bekannt. Wie beliebt dies alles war, mag die für diese Zeit bezeugte Pferdeomnibuslinie unterstreichen, die vom Stadtzentrum aus täglich den Gasthof ansteuerte, zur Sommerzeit im Ein- bis Zweistunden-Takt.

Auch mindestens 6 Ballonauffahrten ab 1900 bis 1902 durch Paul Spiegel, mit teilweise mehreren Tausend Besuchern machen das „Waldschlößchen“ bekannt und beliebt, das Lokal befand sich auf dem Höhepunkt seiner Geschichte. Tanzsaal, Gaststube, vier Gesellschaftsräume, Kegelbahn und eine Kutscherstube für die Fuhrleute standen zur Verfügung. In letzterer soll es zeitweise feuchtfröhlich, aber auch deftig zugegangen sein. Selbst illegaler Pferdehandel war im Gespräch.

Die beiden nebenstehenden Ansichten zeigen auch die baulichen Erweiterungen gegenüber der Zeichnung von 1841. Wann diese erfolgt sind, lässt sich nicht mehr nachvollziehen.

Die ab 1900 bekannten fast jährlichen Wechsel der Pächter zeugen von den immensen materiellen und monitären Schwierigkeiten bei der Betreibung solch eines großen Gasthofes. 1900 Curt Edel, 1901 Paul Daenzer sind die ersten auf der Liste, bevor Hilbersdorf 1904 zu Chemnitz eingemeindet wird. Ab jetzt postalisch Dresdner Straße 119.

Ihnen folgen 1905 I.Arnold, 1906 ein gewisser Bieneck, 1908 Röber, 1909 B.P. Schmidt, 1910 I.Pretzsch, 1911 Reinhardt bis 1913 Friedrich Paul Schmidt den Gasthof pachtete und ihn als Privatmann wohl mehr schlecht als recht über den 1. Weltkrieg rettete. 1919 ohne Pächter nachgewiesen, finden wir ab 1920 bis zum Ende Max Robert Lungwitz und seine Ehefrau Bertha als Schankwirtin in den alten Adressbüchern.

Mit dem Erlöschen des Steinbruchbetriebes im Zeisigwald wurde jedoch eine wichtige Lebensader des Gasthofes und der Brauerei durchschnitten. Der Verschleiß der Gebäude und Anlagen tat das Seinige. 1923 wurde die Bewirtschaftung eingestellt. Handwerksbetriebe nutzten seitdem die vorhandenen Gebäude. Nach einem verfallbedingten Umbau in den Jahren 1989/90 ist das Grundstück jetzt als Gasthof nicht mehr zu erkennen.

(Quellen: “Chemnitz-Hilbersdorf und der Zeisigwald”; Adressbücher der Stadt Chemnitz und Chemnitzer Anzeiger versch. Jahre, Chemn. Landesanzeiger und Stadtbote – zu finden unter SLUB-Dresden.de; u.a.)

Die alten Flächen-Einheiten zur Erklärung:

1 Acker = 300 Quadratruten = 4.255 m²

1 Quadratrute = 14,185 m²