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Der Zierbrunnen Getreidemarkt – Geibelstraße

    Er ist einer der beiden letzten erhaltenen Brunnen des alten Chemnitzer Stadtbildes. Über das Jubiläum der Einweihung und die Entstehung des Müller-Zipper-Brunnens auf der Schloßteichinsel habe ich bereits im Beitrag vom 6. Mai berichtet.

    Über den Zierbrunnen, der einst auf dem Getreidemarkt stand und heute den Marktplatz der Gartenstadt Gablenz in der Geibelstraße 41/43 ziert, gibt es nur spärliche und zum Teil falsche Informationen. Eine Betrachtung aus Anlass des 110. Jahrestages seiner Einweihung am heutigen 24. August.

    Als 1911 das imposante neue Rathaus eingeweiht wurde, stifteten verschiedene Vereine, Gesellschaften, aber auch Privatpersonen Sach- und Geldspenden zur Ausstattung des Rathauses und der Stadt. Die Chemnitzer Kaufmannschaft sammelte 10.000 Mark für einen neuen Brunnen auf dem Neumarkt. Der 1884 geweihte Zipper-Brunnen wurde bekanntlich 1907 im Zuge der Baufeldfreimachung für den Rathausneubau auf den Bernsbachplatz versetzt.

    Der Verschönerungsverein, der sich unermüdlich für die Verbesserung des Stadtbildes einsetzte und dem viele wohlhabende, aber auch an städtischen Entscheidungen beteiligte Personen wie Stadtbaurat Hechler und Gartenbaudirektor Otto Werner angehörten, stiftete der Stadt zu diesem Anlass 5.000 Mark für die Errichtung eines weiteren Zierbrunnens.

    In seiner letzten Sitzung im November 1912 beschloss der Stadtrat, diesen Zierbrunnen auf dem Getreidemarkt aufzustellen. In diesem Jahr entstand auch das neue Verwaltungsgebäude des Städtischen Elektrizitätswerkes an der Ecke zur Theaterstraße, neben der bereits 1909 errichteten Umformerstation für den Straßenbahnbetrieb und die Stadtbeleuchtung. Das heute in Renovierung befindliche Gebäude wurde am 12. Juli 1912 seiner Bestimmung übergeben. Gut ein Jahr später, am Vormittag des 24. August 1913, wurde der vom Verschönerungsverein der Stadt gestiftete und vom Chemnitzer Architekturbüro Zapp und Basarke entworfene schöne Zierbrunnen eingeweiht. Stadtrat Lehmann übergab als Vorsitzender des Verschönerungsvereins den Brunnen der Stadt Chemnitz, wofür sich Oberbürgermeister Dr. Sturm herzlich bedankte.

    Die plastischen Arbeiten des neuen Brunnens stammen von dem Dresdner Bildhauer Gustav Ullrich und nicht, wie oft geschrieben, von dem Chemnitzer Bildhauer Bruno Ziegler. Der Brunnenfuß, die Brunnenschale und der Aufsatz sind aus Krensheimer Muschelkalk aus Franken gefertigt. Kinderfiguren wechseln sich mit Wasserspeiern in Form von Fischköpfen ab. Eine Schale mit floralen Elementen bildet den Abschluss des Brunnenkopfes.

    Gustav Ullrich war in Dresden durch seine Ornament- und Fassadenarbeiten an verschiedenen Geschäftshäusern bekannt. Es ist anzunehmen, dass er sich um die Gestaltung der Muschelkalkfassade des im Juli 1911 begonnenen Verwaltungsgebäudes bewarb und so auf das Brunnenprojekt aufmerksam wurde. Zu seinen Meisterwerken zählt das 1913 eingeweihte König-Friedrich-August-Denkmal in Bad Elster gegenüber dem 1908/1909 errichteten Palasthotel „Wettiner Hof“, für das ebenfalls das Architekturbüro Zapp und Basarke verantwortlich zeichnete.

    Nachdem die Stadtverordneten im April 1929 die Mittel für die Erweiterung der Umformwerkes des städtischen Elektrizitätswerks am Getreidemarkt bewilligt hatten, begannen im Juni 1929 die Bauarbeiten für ein Umspannwerk nach einem Entwurf von Friedrich Wagner-Poltrock im Stil der klassischen Moderne. Die bauliche Substanz des alten Schalthauses konnte als Sockel für den Neubau weiter genutzt werden, ergänzt um kräftige Pfeilervorbauten erhielt es drei neue Obergeschosse sowie einen sechsgeschossigen Kopfbau. Um die gebäudenahe Unterkellerung des Getreidemarktes für die Unterbringung der Transformatoren zu ermöglichen, wurde der Brunnen vor den Tiefbauarbeiten demontiert und der Allgemeinen Baugenossenschaft in Gablenz für den geplanten Marktplatz zur Verfügung gestellt. In der Geibelstraße 41/43 fand er einen neuen Standort und überdauerte gute und schlechte Zeiten.


    Umfangreiche Sanierungsarbeiten der Gartenstadt in Gablenz durch die CAWG in den 90er Jahren brachten neuen Wohnkomfort. Zu einer der letzten Restaurierungsaufgaben in der Siedlung gehörte die steinbildhauerische Sanierung, die der Bildhauer Frank Diettrich 2002 ausführte, und die wassertechnische Instandsetzung des Jugendstil-Springbrunnens durch die CAWG. Obwohl es keine größeren Abplatzungen oder mechanischen Beschädigungen gab, war eine Überarbeitung des Brunnenaufsatzes aufgrund starker Verwitterungserscheinungen unumgänglich.

    Zur Freude der Bewohner sprudelt der Brunnen auch heute noch und erfüllt in der warmen Jahreszeit wieder seine Funktion als Ort der Ruhe und Erholung. Er bildet auch den Rahmen für das alljährliche Brunnenfest im Frühjahr, das die CAWG zur Tradition gemacht hat.

    Vielleicht erhält er heute zu seinem 110. Geburtstag ein paar schmückende Blumen an seinem Standort.

    (Quellen u.a.: Buch aus dem Verlag Heimatland Sachsen „Gartenstadt Gablenzsiedlung Chemnitz“ Autor Jörn Richter – 2002; verschiedene Ausschnitte sächsischer Tageszeitungen zu finden unter SLUB-Dresden.de; Verwaltungsbericht der Stadt Chemnitz 1912)

    Ansicht der Geibelstraße mit dem Zierbrunnen im August 2023