Die alte Chemnitzer Börse

Die Stadt Chemnitz hatte Mitte des 19. Jahrhunderts eine enorme wirtschaftliche Entwicklung genommen. Der Fabrikbetrieb hatte neue Dimensionen erreicht, die Zahl der Maschinenfabriken, Zeugdruckereien, Strumpfwirkereien, Spinnereien und Eisengießereien wuchs stetig.

Beschreibung des Vereins – Adressbuch 1865

Damit waren aber neue Bedingungen an den Handel gebunden, die Rohstoffe mußten kostengünstig eingekauft und die hergestellten Produkte dementsprechend auch vermarktet und verkauft werden.

Das erkannten auch die Mitglieder des am 11. August 1862 begründeten „Börsenverein“ – die spätere Börse zu Chemnitz – der durch tägliche Zusammenkünfte bezweckte, den geschäftlichen Verkehr zu erleichtern. Zuerst traf man sich in 2 gemieteten Räumen im 1. Stock des Gasthaus zur goldenen Krone, Poststraße 26. Dort bezog man täglich telegraphische Depeschen über den Liverpooler Baumwollmarkt, dienstags auch via Hamburg über den Garnmarkt in Manchester, bis dato die führenden Welthandelsplätze.
Die geänderten politischen Konstellationen mit ihren Rückwirkungen auf Handel und Industrie, gaben dem Verein Veranlassung, seine Tätigkeit zu vervielfältigen und auf größere Gebiete zu erstrecken.

Innenansicht der Börse

Da sich die Mitgliederzahl mit Anfang 1865 bereits auf 159 gesteigert hatte, beschloß man am 23.Januar dieses Jahres den Bau eine eigenen Börsengebäudes.
Und da sich gleichzeitig der Arbeitskreis des Vereins durch Bezug der New Yorker, Berliner und Leipziger Börsenberichte vom Geld- und Produktenmarkt und der Berichte vom Bradfordschen Weltgarnmarkt erweiterte, legte man noch im Jahre 1865 dem Verein den Namen „Börse von Chemnitz“ zu.
Unter dem Vorsitzenden des Vereins G.F.V. Langheineken, einem Chemnitzer Kaufmann, wurde der Bau eingeleitet, dazu vom Vorstand eine Konkurrenz für Baupläne ausgeschrieben.
Durch eine Anleihe verschaffte sich der rührige Verein die Mittel. Man erwarb als Bauplatz zwei Häusergrundstücke an der Ecke der Zwingergasse und Poststraße.
Dem an erster Stelle (von 17 eingegangenen) prämiierten Entwurf des Architekten Constantin Lipsius aus Leipzig wurde der Bau zu Grunde gelegt, dem Künstler die Ausarbeitung des auszuführenden Bauplans übertragen, für die Ausführung desselben die Chemnitzer Mauer- und Zimmermeister C.E. Haase und F.G. Ancke jr. beauftragt, und rüstig ans Werk gegangen.
Unter dem Vorstand Alois Peter v. Portheim – er hatte ein eigenes Strumpfwarengeschäft auf der Theaterstraße 14 – wurde am 10.Oktober 1865 der Grundstein gelegt. Die Kriegsunruhen von 1866 verzögerten den Bau nur wenig, und am 25. Juni 1867 konnte der damalige sächsische Landesherr, Seine Majestät König Johann, in einer Feierstunde symbolisch den Schlußstein setzen. Am 1. August 1867 wurde das Gebäude in der Poststraße Nr. 52 mit entsprechenden Feierlichkeiten dem öffentlichen Verkehr übergeben. Der Zutritt zu den Räumlichkeiten stand täglich von 11-13 Uhr für Jedermann, die übrige Zeit nur Mitgliedern zu.

Die Illustrierte Zeitung widmete am 7.September 1867 dem imposanten Gebäude einen Artikel:

„Die Grundform des Gebäudes und die äußere Gestaltung desselben war durch die lokalen Verhältnisse bedingt, insofern der bestimmte Platz nach drei Seiten hin frei ist, an der vierten jedoch an die benachbarten Häuser stößt. Die Hauptfront liegt nach der verlängerten Langen Straße, die beiden Seitenfronten nach der Post- und Zwingerstraße. Die in reicherer Architektur gehaltene Vorderfassade zeigt an den beiden Straßenecken zu Rundthürmen ausgebildete Rundbauten, die das Gebäude kräftig einfassen und im Innern die beiden Haupttreppen aufnehmen.

Zeichnung 1867 von Kirchhoff

Zwischen diesen Türmen führen im Parterre drei mächtige Arkaden zu der Vorhalle; an den Mittelschäften der Arkaden sind das Landes- und das Stadtwappen in Stein gehauen, und kräftige Rustikpfeiler schließen die Arkaden nach den Türmen zu ab, indem sie zugleich als Fuß für die Säulenstellung der ersten und zweiten Etage dienen. Jan Stein gehauene, vom Bildhauer Händler in Chemnitz gefertigte Hautreliefs, die Industrie, den Handel, den Landbau, den Maschinenbau, die Spinnerei und Weberei und die Schiffahrt darstellend, füllen die Zwickel zwischen den Bogeneinfassungen und Schäften der Arkaden aus. Ein kräftiges Gurtgesims schließt das Parterre ab; auf ihm erhebt sich die ionische Säulenstellung der ersten Etage und über ihr in korinthischer Ordnung die der zweiten. Über der die Dachrinne deckenden Attika schließen zwei Löwenköpfe die Säulenstellung ab, und über dem steilen Schieferdach steigt das mit Stirnziegeln und vier Vasen an den Ecken geschmückte Oberlicht auf. Die Rundtürme sind an den Spitzen mit goldenen Knöpfen und Blitzableitern versehen. Wenn wir noch der doppelten Bogenfenster in jeder der Etagen gedenken, so haben wir zugleich ein Bild von den Seitenfassaden, die nur insofern von der Hauptfassade abweichen, als an Stelle der Säulen Pilaster und an Stelle der doppelten Fenster einfache treten.

Ansicht um 1900

Werfen wir nun einen Blick in das Innere. Aus der Vorhalle, die von drei Kuppelgewölben überspannt wird und die beiden Treppenhäuser verbindet, gelangen wir links und rechts in Vorplätze zu dem Restaurationssaal, der in oblonger Form die ganze Länge des Gebäudes einnimmt, 39 ½ Ellen Länge und 14 ½ Ellen Breite hat, durch eiserne, von Steinbogen überwölbte Säulen gestützt wird und durch große, hohe Fenster von beiden Seiten schönes Licht erhält. An den Saal schließen sich das Büffet und die Räume für die Wirtschaft. Zur größeren Bequemlichkeit führen nach diesem Restaurationssaale an beiden Seitenfassaden Zugänge. Die Wirthschaftslocalitäten und die Keller befinden sich im Souterrain, die Wohnung des Wirts und seiner Leute im Dachgeschoss.

Über die Haupttreppen gelangen wir in das dieselben verbindende Foyer, von dem aus drei große Glasthüren in den Börsensaal führen, der, den Mittelpunkt des ganzen Gebäudes bildend, sich durch zwei Etagen erstreckt, und dessen Länge sowie Breite und Höhe 24 Ellen betragen. Säulenstellungen in doppelter Ordnung bilden an zwei Seiten unten Passagen und tragen oben breitete Galerien, zwischen denen die Verbindung zwei Galerien von geringerer Breite, auf Pilasterstellungen mit Bogenöffnungen zwischen sich ruhend, vermitteln. Die Localitäten, welche den Börsensaal umschließen, sind für 14 Comptoirs, Lesezimmer usw. bestimmt, die man entweder vom Saale aus durch die Passage und Galerien, durch die linke Haupttreppe oder eine besondere Nebentreppe erreicht. Außer den zum Saale führenden drei großen Glasthüren befindet sich rechts und links noch eine weitere, durch die man, wenn der Saal geschlossen ist, auf den durch Glasthüren vom Saale getrennten Passagen zu den an den beiden Straßenseiten gelegenen Räumlichkeiten gelangen kann. Sein Licht empfängt der Saal durch eine von geschliffenem Glase gebildete Decke, während die Beleuchtung des Gebäudes bei Abend durch Gas und die Heizung durch erwärmte Luft erfolgt, eine Wasserleitung aber das Wasser herzuführt.”

Das Beckerdenkmal am gleichnamigen Platz vor der Börse

Im Adressbuch von 1868 finden wir eine erstmalige Aufstellung der eingemieteten 14 Makler und Agenten mit ihren Kontoren. Im Parterre sorgte der Pächter M.Heberlein im Börsenrestaurant für die notwendige Verköstigung.
1879 findet Anfang Februar am neugestalteten Beckerplatz die erste Chemnitzer Garnbörse in diesem Gebäude statt, die sich eines zahlreichen Besuches erfreute. Man erhoffte sich dadurch eine Vereinfachung des geschäftlichen Verkehrs der im sächsischen Erzgebirge aufkommenden Textilindustrie.
Alle wichtigen Notierungen deutscher, europäischer und amerikanischer Waren- und Geldmärkte und alle sonstigen für Chemnitz wichtigen Handels- und politischen Nachrichten gingen über 37 Jahre hier ein, dazu wurde allwöchentlich einmal die für Chemnitz und das Erzgebirge so wichtige Getreidebörse abgehalten.

Am 16.Mai 1904 wurde in einer außerordentlichen Generalversammlung die endgültige Entscheidung über den Verkauf des Börsengrundstückes getroffen. Die Offerte der „Dresdner Bank“ in Höhe von 290.000 Mark wurde nach einstündiger Debatte mit statutenmäßiger Majorität angenommen.

1905 zog nach einer Rekonstruktion die Chemnitzer Filiale der Dresdner Bank in dieses Gebäude. Man hatte vor allem das Dachgeschoß umgebaut, eine größere Lichtkuppel und geänderte Dachformen wurden entsprechend des damaligen Zeitgeistes gestaltet. Dazu kam später eine neue Tresoranlage.
Der Verein zog vorerst in ein Nebengebäude im Lindengarten am Neustädter Markt ein, wo am 5.1.1905 eine Produktenbörse eröffnet wurde, 1906 dann in Räume der „Allgemeinen Deutschen Credit-Anstalt“ in der Poststraße 15. 1907 war schließlich das repräsentative Geschäftshaus „Wettin“ in der Friedrich-August-Straße 4 fertig gestellt und ab sofort Sitz der „Börse zu Chemnitz, jurist. Person“ . Täglich von 7:00 Uhr morgens bis Abends 8:00 Uhr, Sonn- und Feiertags bis nachmittags ½ 1 Uhr konnten die Mitglieder die bedeutendsten aus- und inländischen Handelszeitungen lesen und sich austauschen.

In den Jahren 1922 bis 1924 ließ die Dresdner Bank die alte Börse abreißen und errichtete auf den alten Grundmauern nach Plänen des Berliner Architekten Heinrich Straumer (in Chemnitz geboren) dafür den bis heute erhaltenen Neubau. Dieser wird Gegenstand späterer Betrachtung werden.

(Quellen: Illustrierte Zeitung Leipzig 1867, Bücher: Geschichte der Fabrik- und Handelsstadt Chemnitz – Zöllner, 1888; Chemnitz am Ende des 19. Jahrhunderts; diverse Zeitungsberichte aus dem Wochenblatt für Zschopau und Umgegend und Adressbucheinträge zu finden unter SLUB-Dresden.de; u.a.)

Schlagwörter: