Zum Inhalt springen

Die Lauben am Markt

    „Im raschen Wechsel ziehen an mir vorüber die Bilder mannigfach und reich an Zahl: bald seh’ ich klar, bald wird der Ausblick trüber, doch stets gewachsen ist die Stadt im Tal“…
    So schrieb ein heimischer Dichter am Anfang des 20.Jahrhunderts über die sich schnell verändernde Stadt Chemnitz. Und auch das Gesicht des zentralen Mittelpunktes der Stadt, der Markt, hatte sich in dieser Zeit grundlegend geändert. Die alte Gebäudereihe wurden abgerissen, die sich auf der einen Seite von der Ecke des Neumarktes bis zum alten Rathausturm und auf der anderen Seite bis zur Webergasse zog, ein neues Rathaus entstand…

    Zeichnung des Marktes in seinem Zustand um 1840

    Wie anderwärts, bestanden auch in Chemnitz die Häuser während des Mittelalters fast durchweg aus Holz, selbst Kirchen und Rathäuser teilten diese Eigenheit – unsere jetzige Jacobikirche war im ersten Anfange z. Bsp. eine hölzerne Kapelle – und erst ums Jahr 1500 wurde der Steinbau allgemeiner. Aber noch längere Zeit darüber erhielten sich die Stroh- und Schindeldächer, bevor sie den Ziegeldächern zu weichen begannen. Charakteristisch waren an den mittelalterlichen Gebäuden die sogenannten „Lauben“, von welchen wir neben dem alten Rathaus am Hauptmarkt bis zum Abbruch noch Reste besaßen. Man bezeichnete mit diesem Namen offene Pfeilerhallen, die sich an der dem Markt oder der Straße zugewandten Seite des Hauses um das Erdgeschoß zogen. Die Pfeiler der Lauben, auf denen oft das obere Stockwerk ruhte, wurden anfangs in Holz, später auch in Stein ausgeführt; für letztere Bauart sind unsere Chemnitzer „Lauben“ ein Beispiel. Das Vorbauen und Überragen des oberen Stockwerks über des Untere war im Mittelalter überhaupt beliebt, auch ohne das man ersteres durch Pfeiler stützte, man nannte diese oberen Stockwerke „Überschüsse“ oder „Überhänge“. Sie brachten indes bald so zahlreiche Übelstände mit sich, das die Räte zeitig Verbote dagegen erließen; der Chemnitzer Rat tat dies schon 1352. Wie anderwärts, dienten auch in Chemnitz die „Lauben“ – an Rathäusern und anderen Marktgebäuden wurden die Lauben mit Vorliebe angebracht – bei schlechtem Wetter vornehmlich als Aufenthalt für die Marktverkäufer. Wir treffen sie heute noch in vielen süddeutschen Städten an (Rosenheim, Lindau usw).

    Chemnitz zeigte lange Zeit das Gepräge einer echten kurfürstlichen Stadt. Mittelpunkt bildete die bereits erwähnte Jacobikirche und vor derselben das Rathaus. Daneben das 1498-1500 entstandene und 1826 abgetragene Gewandhaus. Dessen Giebel war aus den entsetzlichen Bränden im 15. und 17.Jahrhundert einzig erhalten geblieben. Dem Markt zugekehrt die nach den Zerstörungen und kriegerischen Auseinandersetzungen wieder aufgebauten Häuser mit hochaufstrebenden Dächern; im Erdgeschosse aber die dämmrigen Laubengänge, die in eigentümlicher Weise die architektonische Eintönigkeit unterbrachen.

    Wann die Lauben entstanden sind? Schon vor 1466 muß es gewesen sein, Denn in diesem Jahr tauchen sie bereits im Geschoßbuch der Stadt Chemnitz als „underm Leuben“ auf. 5 Besitzer für die 6 Häuser sind darin verzeichnet. Vielleicht hat die Vermutung recht, das diese Laubengänge mit ihren Verkaufsständen eine Fortsetzung jener Ablaßbuden waren, die den Wallfahrern, die nach St. Jacobi zum wundertätigen Marienbild kamen, Weihegeschenke und Waren feilboten.

    Als dann 1496-1498 das alte hölzerne Rathaus dem aus Stein weichen mußte, wurden in diesem im überwölbten Erdgeschoß die Brotbänke eingerichtet . Daneben wandelte man auch die Überschüsse der angrenzenden Häuser in Gewölbegänge um. Teilweise wurden diese als Ratsmagazin und Commun-Wagenschuppen genutzt, auch zogen Kramläden ein, die Utensilien des täglichen Bedarfes herstellten und feilboten.

    In Kriegszeiten wurden die Lauben als Pferdeställe für die Einquartierten bereitgestellt. Aber hauptsächlich waren sie über Jahrhunderte hinweg unter verschiedenen Eigentümern Bestandteil des Chemnitzer Marktwesens.

    Bis 1905 fand noch unter den Lauben ein nahezu konstanter Marktverkauf statt. Das alte Haus Nr. 6 unter den Lauben ist in den Chemnitzer Erinnerungen unvergeßlich. Denn dort unterhielt C. A. Schmidts Witwe, allgemein unter dem Namen „Schachtel-Schmidt“ bekannt, ein Holz- und Spielwarengeschäft, das sich später auf der gegenüberliegenden Marktseite im neuen, stattlichen Heim Nr. 17 befand. „Doch die Nr. 6, das war das Schönste unter den Lauben, zumal in der Vorweihnachtszeit, wenn die Holz- und Bleisoldaten, die Flinten und Trommeln, die Wiegepferde und Wagen, die Baukästen und Puppenstuben so manches Kinderherz erwartungsvoll beseligten. Im Sommer hingen an den Laubenbögen die bunten Holzadler und Holzsterne für die Kinderfeste.“

    Gedenkkarte zum bevorstehenden Abriss

    1905 legte Oberbürgermeister Dr. Beck in einer umfassenden Denkschrift die Notwendigkeit eines neuen Rathauses dar. Die städtischen Kollegien beschlossen, nach langer Vorberatung durch einen gewählten Sonderausschuß, am 19. März 1905 den Neubau eines Rathauses am Markt und Neumarkt zu empfehlen. Sie bewilligten ferner in der gleichen Sitzung 350.000 Mark zum Ankauf des dem Holzwarenfabrikanten C. A. Schmidt gehörigen Hauses Markt 6, um einen geschlossenen Bauplatz zu erhalten. Die für den Neubau als Baugrund in Frage kommenden älteren Grundstücke befanden sich bereits längere Zeit in städtischem Besitz.

    Rasch wurde an die Umsetzung geschritten.

    Ende Mai 1907 begann man mit dem Abbruch von insgesamt 13 Häusern, bis in den Sommer hinein fielen die alten Gebäude, auf deren Areal dass neue Rathaus entstehen sollte: der rechts vom Turm gelegene Teil des ältesten Rathauses, ferner Markt 2-6, „unter den Lauben“, dazu der Neumarkt 1-5.

    Da stand die Feuerwache, bis sie 1906 ihr jetziges Heim an der Schadestraße bezog. Der Stadtbaumeister Oelsner hatte 1855 dieses Gebäude als Hauptwache für das Militär errichtet. 15 Jahre hat es in Krieg und Frieden diesem Zwecke gedient. Dann nahm die Feuerwehr davon Besitz.

    Auch das alte Leihhaus an der Webergasse, sowie der Jacobikirchplatz 2-4, ein für die Chemnitzer Ortsgeschichte sehr bedeutsames Haus: das älteste Schulhaus, das berühmte Lyzeum (die Lateinschule) fielen sprichwörtlich „der Spitzhacke zum Opfer“.

    Als man Platz für den Rathausneubau schaffte, da bot sich mit einem Male den erstaunten Einheimischen und Fremden ein unerwartet reizvolles Bild dar. Der jahrhundertelang hinter dunklem Gemäuer verborgen gewesene, reich gegliederte gotische Chor der St. Jakobikirche trat licht und luftig hervor. Diese Aufnahmen in der Sammlung bewahren diesen fesselnden, ja fast feierlichen Blick. Begreiflich, das sich in den Chemnitzern der Wunsch regte, dieses eigenartige Städtebild möchte erhalten und nicht wieder verbaut und verdeckt werden. Doch es war zu spät! An dem lange erwogenen Plan des Rathausneubaues konnte nicht mehr gerüttelt werden.

    (Quellen u.a.: Artikel im Sächs. Landesanzeiger 1889; Festbeilage des Chemn. Tageblattes zur Rathausweihe 1911; Der Türmer von Chemnitz Heft 4/1937; u.a.)

    WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner