Die Pest in Chemnitz

Judenverfolgung in Europa im 14.Jahrhundert

Jahrhunderte hindurch hat diese verheerende Seuche, der die medizinische Wissenschaft lange Zeit machtlos gegenüber stand, auch in Europa und in unserem weiteren und engeren Vaterland, speziell aber in Chemnitz grassiert und zahlreiche Opfer gefordert. Gründe dafür waren unter Anderem schlechte hygienischen Bedingungen und Unkenntnis über Herkunft und Verbreitung.
Die erste chronikalisch beglaubigte Nachricht vom Auftreten der Pest in Chemnitz besitzen wir aus dem Jahre 1334, in welchem unsere damals wohl kaum nicht als 3000 Einwohner zählende Stadt einen großen Teil derselben verlor, denn die alten geschriebenen Chroniken (die Buchdruckerei war noch nicht erfunden) berichten von 843 Personen, welche auf dem Johannisfriedhof (dem alten Gottesacker an der gleichnamigen Kirche) in 12 Gruben begraben wurden. Noch schlimmer wütete die Pest oder der „schwarze Tod“ im Jahre 1350 in ganz Europa, vorzüglich aber in ganz Deutschland, wodurch eine allgemeine Judenverfolgung veranlaßt wurde, doch fehlen für Chemnitz die Einzelheiten.

Das Letztere gilt auch von das Auftreten der Pest im Jahre 1406, in welchem sie wie im ganzen Gebirge so auch in Chemnitz auftrat, sowie vom Jahre 1427, in welchem der Hussitenkrieg außerdem viele Opfer forderte, und dem Jahre 1433, das noch immer keine Ruhe vor den Hussiten wohl aber Teuerung und Viehseuchen brachte. Im Jahre 1439 wütete die Pest allenthalben, auch im Gebirge, schrecklich und zwar von der Erntezeit an bis Weihnachten. Wer von ihr befallen wurde, pflegte mehrere Tage und Nächte hindurch zu schlafen und das Erwachen war gewöhnlich ein vergeblicher Kampf mit dem Tode.

Auch im Jahre 1456 wurde Chemnitz von der Pest heimgesucht, 388 Personen fielen ihr zum Opfer. Im Jahre 1472, in welchem es von Pfingsten bis zum 8. September nicht regnete, gesellte sich in Chemnitz zu der hierdurch hervorgerufenen Dürre abermals eine verheerende Pestseuche, die im Vereine mit Hungersnot im folgenden Jahre 1473 wieder ausbrach und sich auch im Jahre 1485 wieder zeigte.

Frühe Zeichnung eines Pestkranken

Nach kurzer Pause begann die Pest 1505 wieder fürchterlich zu wüten und hielt 6 Jahre lang an, so daß sie jährlich in Chemnitz 400 bis 500 Menschen hinwegraffte. Nunmehr scheint eine längere Pause eingetreten zu sein, wenigstens findet sich erst im Jahre 1557 wieder eine Nachricht, dass die Pest im Lande und besonders auch in Chemnitz arg gewütet habe. Unter den Opfern der Seuche werden diesmal die Senatoren oder Ratsherren Haus Schütz, Johann Jäger, Wolfgang Richter und Lorenz Schieferdecker namentlich aufgeführt. Im Ganzen starben 650 Personen an der Pest, also ein großer Prozentsatz der sicher nur einige Tausende betragenden Bewohnerschaft. Selbst der Pestprediger Christoph Otmar wurde von der schrecklichen Seuche dahingerafft, wie ein altes Kirchenbuch der Johanniskirche mitteilt. Es ist dies zugleich der erste Fall, dass in Chemnitz ein sogenannter „Pestilentialis“ vorkommt. In älterer Zeit hatte jeder Geistliche die Pflicht, auch die von der Pest Ergriffenen unter seinen Beichtkindern zu besuchen und nur selten wurde ein besonderer Geistlicher angestellt, um die Pestkranken mit den Sakramenten zu versorgen.

Auch im folgenden Jahre 1558 grassierte die Pestseuche wieder heftig in Chemnitz und sie muß nicht wenig unter den Einwohnern aufgeräumt haben, dass in der Johanniskirche laut den Kirchenbüchern am Pfingstfeste Sonntags nur 14, Montags nur 18, am (damals noch kirchlich begangenen) dritten Feiertage, Dienstags, gar nur 8 und am Trinitatisfest auch nur 9 Kommunikanten gewesen sind, für jene Zeit, wo man öfters und besonders an den hohen Festtagen zum heiligen Abendmahl ging, eine sehr kleine Zahl. Es muß also wirklich ein ganz bedeutenden Rückgang der Bewohnerschaft stattgefunden haben, die Zahl der an der Pest Gestorbenen wird denn auch auf 900 angegeben und dürfte kaum zu hoch gegriffen sein. Hierbei wird noch ein schauderhafter Fall erwähnt. Am Donnerstag nach Weihnachten wurde ein gewisser Römer verbrannt, weit er den Pestkranken (wohl als Wärter) siedendes Wasser in den Hals gegossen hatte (!). Aus dem Jahre 1567 wird wiederum berichtet, dass die Pest in Chemnitz auftrat, diesmal aber nur 173 Personen hinwegraffte, bei der bedeutend geschwächten Einwohnerzahl gewiß noch immer ein empfindlicher Verlust.

Menschen starben während der Pestzeiten hilflos auf den Straßen

Im Jahre 1612 wütete die Pest wieder außerordentlich und zwar herrschte sie von der Woche nach Ostern bis zum Herbst. Unter den (im Ganzen 964) an dieser Seuche verstorbenen hiesigen Einwohnern befanden sich der Bürgermeister Mag.Christoph Kinder und der Senator Christoph Richter, sowie Mag. Christoph Wernsdorf, Pastor zu St. Johannis und Heinrich Klee, Pastor zu St. Nikolai. Auch wird aus diesem Jahr über große Teuerung berichtet. Im folgenden Jahre 1613 brach die Pest im Juli wieder aus und raffte 941 Menschen dahin, unter diesen den neuen Bürgermeister Caspar Deulich.

Sie scheint auch während der folgenden Jahre nicht ganz erloschen zu sein, denn ans dem Jahre 1626 wird lakonisch berichtet: Pest und Teuerung dauern fort, doch finden sich keine näheren Einzelheiten.

Auch während des dreißigjährigen Krieges gesellte sich zu den Schrecken desselben für unsere Stadt als fürchterlicher Bundesgenosse die Pest. Ihr Auftreten wird, ohne nähere Angaben, zunächst unter dem Jahre 1632 gemeldet. Im folgenden Jahre 1633 erreichte die Seuche eine bisher noch nie gekannte Höhe. Nach dem Berichte des Totengräbers waren bereits bis zum 12.Februar 540 Leichen beerdigt worden. Am Ende des Jahres waren zwar nur 2500 Verstorbene in den Totenregistern verzeichnet, aber wie viele mögen in den kriegerischen Wirren gerade jenes Jahres nicht in die Register eingetragen worden sein! Bedenkt man, daß, wie bereits erwähnt, bis zum 12. Februar schon 540 Leichen beerdigt waren und die Pest ohne Aufhören das ganze Jahr hindurch bis zum Ende wütete, sowie dass die Zahl der in Chemnitz Verstorbenen in den nächsten Jahren sehr niedrig war, so wird man die Angabe einer handschriftlichen Chronik, die Zahl der Pestopfer habe sich auf 4000 belaufen, eher glaubhaft finden. Der Pfarrer zu St. Johannis und Pestilentialis David Drabitius starb bereits im zweiten Monat nach seinem Amtsantritt an der Pest, ebenso der Pastor Richter an St. Nikolai, ferner von den Lehrern an der lateinischen Schule der Tertius Elias Loßnitzer aus Chemnitz und der Kantor Elias Grimm aus Scheibenberg.

Ein “Pestilentarius” – unter der Maske und dem langen Umhang sollte der Wundarzt geschützt sein

Ende des Jahres 1634 belief sich die Zahl der Gestorbenen nur auf 37. So sehr war also die Einwohnerschaft von Chemnitz zusammengeschmolzen, daß selbst der Tod nur noch wenige Opfer finden konnte, ja in Altchemnitz waren nach einem Berichte des Amtsschössers an den Kurfürsten, dessen Konzept im Ratsarchiv vorhanden ist, nur noch drei Einwohner zu finden.

Vom Jahre 1635 bis zum Jahre 1679 finden sich keine Notizen über das Auftreten der Pest in Chemnitz. Man scheint also Zeit gehabt zu haben, sich von den Verlusten zu erholen.
Im Jahre 1680 drang die Pest abermals von Böhmen her übers Erzgebirge in Sachsen ein. Im Juni war sie auch in Chemnitz angekommen. Bei der noch immer schwachen Bevölkerung (es waren durchschnittlich jährlich höchstens 30 Trauungen, kaum 100 Geburten und gegen 100 Todesfälle zu verzeichnen) wäre ein Umsichgreifen der gefürchteten Seuche verhängnisvoll für unsere Stadt geworden.
Aber dieses Mal traf der hiesige Rat allerhand Vorkehrungen gegen dieses schreckliche Übel, er erließ unter anderem eine Pestordnung. Dieser war sicher zum guten Teil zuzuschreiben, daß diesmal die furchtbare Krankheit bei weitem nicht so viele Opfer forderte als in früheren Jahren. Die Zahl der Pestopfer in den 6 Monaten von Juni bis November war verhältnismäßig sehr gering und beschränkte sich auf 11 in der inneren Stadt und 121 in den Vorstädten. Unter den 11 in der inneren Stadt an der Pest Verstorbenen war der Syndikus und Stadtschreiber Heinrich Fierling die einzige angesehene Person. Fierling war im Januar 1680 nach Prag gereist, wo er im Auftrag des Rates Erkundigung über den Stand der Seuche einzog.

Der alte Johannisfriedhof auf dem Plan von 1756

Der Stadtrat wachte streng über die Verordnung und deren Ausführung. Vor allen Dingen mußte sowohl in den Straßen wie in den Häusern auf größte Reinlichkeit geachtet werden. In der die Stadt durchfließenden Bach und in den öffentlichen Röhrkästen durfte keine Wäsche mehr gesäubert werden, alles Ausschütten von Spülwasser, Kehricht, des Nachttopfs und sonstigem Unrats auf die Gasse war auf das Strengste verboten. Gänse, Enten, Tauben, Schweine, Hunde und Katzen mußten, als zur Verbreitung der Seuche wesentlich beitragend, entfernt werden. Angesteckte Häuser wurden sofort abgesperrt und fleißiges Räuchern in allen Häusern zur Pflicht gemacht.
Fromme Buße und Mäßigkeit im Essen und Trinken, besonders Vermeidung des Branntweins und anderer „hitziger Speisen und Getränke“ sollten zunächst nach dieser Pestordnung geeignete allgemeine Schutzmaßregeln gegen die ansteckende Krankheit sein. Durch strenge Vorschriften über den Verkehr der Stadt nach außen hin, über den von außen her nach der Stadt und über das Einbringen von Gegenständen, welche als Träger der Krankheit bekannt waren, hoffte der Rat der Verschleppung der Pest wirksam entgegenarbeiten zu können.

Ankommende Fremde mußten ein Zeugnis über den Gesundheitszustand des Ortes, von dem sie kamen, beibringen und wenn derselbe von der Pest ergriffen war, sich einer bestimmten Quarantäne unterwerfen, Ähnlichkeiten mit heutigen Ereignissen sind rein zufällig…

Pestmänner sammeln die Leichen ein und begraben sie.

Dem Stadtphysikus waren als Pestarzt besondere Vorschriften erteilt, die Einwohnerschaft dagegen angewiesen worden, sich in Erkrankungsfällen lediglich an diesen und nicht an Marktschreier, Bauernärzte und Wunderdoktoren (also die Quacksalber) zu wenden und sich streng nach den ärztlichen Vorschriften des Stadtphysikus zu richten. Sämtliche Kranken mußten ohne Verzug bei ihm angemeldet werden. Der Rat bestimmte Pestmänner, die für die Beerdigung der an der Pest Verstorbenen sorgenden Totengräber.
Man tat also für die damalige Zeit alles Mögliche, dem Übel vorzubeugen und hatte erkannt, wie man dem Umsichgreifen der Krankheit mit Erfolg entgegentreten konnte.

Am 12.Juli begann man zudem mit dem Bau eines Lazaretts hinter der seither an der Ecke der äußeren Johannis- und Brückenstraße befindlichen ehemaligen St. Georgenkapelle und errichtete im September neben demselben noch ein besonderes Pesthospital. Im Zwinger beim Klostertor wurden zwei Häuschen einander gegenüber gebaut, aus welchem der Stadtphysikus Dr. Garmann und der Pestchirurgus Christian Cardinal wegen der Pestkranken ihre Besprechungen halten sollten. In diesem Jahre war es auch, dass der Rat ein hinter dem Johannisfriedhof (alter Gottesacker) gelegenen Stück Feld für 70 Gulden zu dem bereits erwähnten Begräbnisplatz für die an der Pest Gestorbenen käuflich erwarb und verwenden ließ. Er war von diesem durch eine Mauer getrennt und ist erst später mit ihm vereinigt worden. Noch auf dem Trenkmann’schen Plan von 1756 ist die Mauer und das „Schwarze Thor“ verzeichnet, durch das die Verstorbenen hineingebracht wurden.

Dem Pfarrer zu St. Johannis, welcher eigentlich die Pestkranken mit geistlichem Trost versehen sollte, wurde in der Person des Magisters Hackenberger ein besonderer Adjutant beigegeben, der die Obliegenheit hatte, allein bei allen Pestkranken gleichviel ob in der Stadt oder den Vorstädten, die Seelsorge auszuüben.

Es wird ferner berichtet, dass am 11. Oktober Rat und Bürgerschaft in Prozession zur St. Jakobikirche zog, wo selbst die Leichenfeier den wegen der Pest von Dresden nach Freiberg geflüchteten, dort aber am 22. August 1680 aus dem Leben geschiedenen Kurfürsten Johann Georg II. abgehalten wurde, daß sich aber die Bewohner der Vorstädte, weil dort die Pest heftiger gewütet, ohne Prozession in der St. Johanniskirche versammelt hätten.

Auch wurde der ursprünglich nach Chemnitz einberufene Konventstag der Städte des Erzgebirges wegen der Pest nicht hier, sondern in dem davon freien Städtchen Aue abgehalten. Im Laufe des Winters verlor sich die Seuche allmählich und als man auch im Frühjahr 1681 nichts mehr von ihr spürte, feierte man am 10.Juli des genannten Jahres ein allgemeines Dankfest.

Für Chemnitz war dies auch zugleich der letzte Besuch dieses unheimlichen Todesengels der Menschheit gewesen.

(Quellen: Geschichte der Fabrik- und Handelsstadt Chemnitz, C.W. Zöllner – 1886; Artikel „Das Auftreten der Pest in Chemnitz“, Generalanzeiger für Chemnitz und Umgebung – 5.Juli 1898; Abhandlung „Die Pest in Chemnitz“ von Stadtarchivar P.Uhle, in „Mitteilungen des Vereins für Chemnitzer Geschichte“, 14. Jahrbuch 1906 – 1908; u.a.; Bildquelle: http://hosted.lib.uiowa.edu/histmed/plague/plague_gallery.html)