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Glanzvolle Rathausweihe vor 115 Jahren

    Königlicher Besuch, farbenprächtiger Festumzug und hohe Auszeichnungen

    Mit einem außergewöhnlich glanzvollen und stimmungsvollen Festakt hatte die Stadt Chemnitz vor nunmehr 115 Jahren die Einweihung ihres neuen Rathauses gefeiert. Seit dem Beginn des Abrisses der alten Bausubstanz am Neumarkt waren bis zu jener Einweihung am 2. September 1911 über 4 Jahre vergangen.

    Neben einer Vielzahl von hochgestellten Persönlichkeiten, darunter das gesamte Staatsministerium, die Präsidenten der Ständekammern, die Herren Oberstmarschall Graf Vitzthum von Eckstädt (Lichtenwalde) und Dr. Vogel, der Präsident der Staatsbahnen, Dr. Ulbricht, die Oberbürgermeister der Großstädte und die Bürgermeister einer Anzahl sächsischer Städte, darunter Bürgermeister Dr. Irmer (Frankenberg), die Ehrenbürger von Chemnitz usw. wohnte Se. Majestät, der sächsische König Friedrich August, persönlich den Feierlichkeiten bei.

    Der Festakt im Stadtverordnetensaal

    Der festlich geschmückte Neumarkt mit Blick in die Kronenstraße

    Die feierliche Weihe vollzog sich im reich geschmückten Sitzungssaal der Stadtverordneten vor rund 450 geladenen Gästen. Nach dem musikalischen Auftakt mit Klängen aus den „Meistersingern von Nürnberg“ hielt Oberbürgermeister Dr. Sturm die Festansprache.

    Er gab eine kurze Schilderung der lebhaften Entwicklung der Stadt, blickte auf den Rathausbau zurück und betonte das enorme Wachstum der Stadt Chemnitz, die in Kürze die Grenze von 300.000 Einwohnern überschreiten werde.

    Zeichnerische Darstellung des Festaktes im Rathaussaal

    Er bezeichnete das neue Rathaus als vollendetes Werk und würdige Arbeitsstätte und rief zu parteiübergreifender Eintracht zum Wohle der Bürger auf.
    In weiteren Grußworten würdigten Staatsminister Dr. Beck im Namen der Ehrenbürger Chemnitz als „Stolz Sachsens und weltbekannte Stadt der Arbeit“, während Dresdens Oberbürgermeister Geh. Rat Dr. Beutler im Namen der sächsischen Städte die Verbundenheit und den gemeinsamen Bürgersinn hervorhob. Kommerzienrat Gulden, Vorsitzender der Handelskammer, verwies auf die Opferwilligkeit der Bürgerschaft und der Kaufmannschaft, durch deren Spenden unter anderem die Errichtung eines monumentalen Fackelbrunnens vor dem Rathaus ermöglicht wurde. Nach einem Weihegebet von Superintendent Geh. Kirchenrat Dr. Hoffmann und Beethovens „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre“ schloss der Saalfestakt.

    Nach dem Festakt trat der König mit seiner Begleitung einen kurzen Rundgang durch einen Teil des Rathausneubaus an. Dabei trug der König auch seinen Namen in das Goldene Buch der Stadt Chemnitz ein. Das gleiche taten die anwesenden Minister, die Präsidenten der beiden Ständekammern und die übrigen Ehrengäste. Ferner überreichte der König bei dem Rundgang durch das Rathaus dem bei dem Bau des Rathauses beteiligten Stadtbaumeister Luthardt das Ritterkreuz 2. Klasse des Albrechtsordens.

    Festspiel und farbenprächtiger Umzug

    Im Anschluss an den Rundgang des Königs wurde auf dem geschmückten Neumarkt ein historisches Festspiel mit dem Titel „Die Rathausweihe von 1498“ aufgeführt, verfasst von dem Chemnitzer Autor Hofrat Prof. Dr. Anton Ohorn und von Oberregisseur Diener vom Neuen Stadttheater einstudiert.

    Die Aufführung führte dem Publikum lebendige Szenen der Stadtgeschichte vor Augen. Sie fand in der stimmungsvollen Umgebung des entsprechend ausgeschmückten Neumarkts statt und fand durch ihre wirkungsvollen Massenaufzüge und die in die Handlung eingestreuten hübschen historischen Episoden allgemeinen Beifall. Das Ganze stellte einen überaus farbenprächtigen und imposanten Aufzug der Innungen und des sonstigen Volkes dar und zeigte die Festgäste der Rathausweihe von 1498. Es erhielt einen glanzvollen Abschluss durch eine Huldigung vor Herzog Albrecht, einem Wettin-Spross.

    Im Anschluss an das Festspiel setzte sich alsbald ein eindrucksvoller und farbenprächtiger Festzug in Bewegung, der wiederum eine Fülle interessanter Episoden aus der Vergangenheit der Stadt Chemnitz bot. Stadtknechte, Fanfarenmusik, Schützengildenmitglieder, Handwerker-Innungen leiteten den Festzug ein, dann folgten Festjungfrauen, der Rat, Kaufherren, Mönche vom Kloster Schloß-Chemnitz, der fürstliche Jagdzug des Herzogs Albrecht, hierauf Marktleute, Quacksalber, Gaukler und allerhand fahrendes Volk. Stadtsoldaten und reitende Musik leiteten eine neue Gruppe ein, in der eine vom Kunstgewerbeverein gestellte Gruppe siegreich heimkehrende Bürger auffiel. Der Beamtenverein hatte eine bemerkenswerte Gruppe zu Fuß und zu Pferd, betitelt: „Ein Gerichtstag in Chemnitz“, gestellt, die Schüler der Webschule einen Wagen, der die Tuchweberei versinnbildlichte, die Schloßbrauerei einen Wagen „Brauberechtigte Bürger“, der Verein der Obererzgebirgler einen Wagen, der die Sage von der Auffindung der Silberstollen im Erzgebirge veranschaulichte. Dicht gesäumt von einer begeistert mitgehenden Menschenmenge führte der Zug vom Markt bis zum Schützenplatz und bot mit seinen historischen Gewändern und barocken Farbakzenten ein unvergessliches Bild.

    Festmahl im Casinogebäude

    Das 1888 eingeweihte Casino-Gebäude an der Theaterstraße

    Nach dem Vorbeimarsch des Festzuges begab sich der König und die Vertreter seiner Umgebung zu Fuß durch die feierlich geschmückte Friedrich-August-Straße nach dem Casinogebäude, wo das vom Rate der Stadt gegebene Festmahl stattfand. Der aufwendig mit Palmen, Hortensien, Lilien und einer Kolossalbüste des Königs dekorierte Casinosaal an der Theaterstraße vereinte die Festgesellschaft an drei mit mächtigen weißen Chrysanthemensträußen geschmückten Tafeln mit 298 Gedecken.

    Die kulinarischen Genüsse, es gab u.a. Forellen und Hummer, waren von hervorragender Qualität, nicht minder die aus der Stadtkellerei stammenden Weine.

    Nach einem mit herzlichen Worten ausgebrachten Trinkspruch von Oberjustizrat Eulitz stimmte die feierliche Versammlung mit Begeisterung in das dreifache Hoch ein, worauf die auf der Galerie über der Königstafel postierte städtische Kapelle die Sachsenhymne intonierte, die stehend angehört wurde.

    Anschließend richtete auch Se. Majestät König Friedrich August das Wort an die Anwesenden. Er lobte den herzlichen Empfang in Chemnitz und sprach der Stadt seine besten Wünsche für eine blühende und gedeihliche Zukunft aus.

    Besuch auf dem Schützenplatz und Abreise

    Nach dem Mahl begab sich der König mit Gefolge zum Schützenfestplatz in die Vorstadt Altendorf. Dort besichtigte er die Schießeinrichtungen der Privilegierten Schützengesellschaft und gab persönlich einen Treffer auf die eigens angefertigte Ehrenscheibe ab. Mit großem Interesse verfolgte der Monarch das auf dem Platz dargebotene mittelalterliche Feld- und Lagerleben. Um Punkt 16:00 Uhr trat der König per Sonderzug vom Hauptbahnhof wieder die Rückreise nach Dresden an.

    Königliche Ehrungen zum Anlass des Festes

    Seine Majestät der König verlieh zudem aus Anlass der Rathausweihe Herrn Oberbürgermeister Dr. Sturm das Ritterkreuz 1. Klasse des Verdienstordens, Herrn Stadtbaurat, Königlicher Baurat Möbius das Ritterkreuz 1. Klasse des Albrechtsordens und Herrn Stadtverordnetenvorsteher Justizrat Eulitz Titel und Rang als Oberjustizrat.

    Quellen: Zeitungsberichte aus dem Frankenberger und Hohensteiner Tageblatt vom 5. September 1911, Salonblatt Dresden, Nr. 36-1911, Chemnitzer Kalender 1912 u.a. zu finden unter SLUB-Dresden.de; Postkarten aus der Sammlung von Steffi Weibrecht und den Chemnitzer Hobbyhistorikern.