Vor 40 Jahren – Der Jacobikirchturm erhält seine Haube zurück
Unzähligen Karl-Marx-Städtern und ihren Gästen stockte der Atem, als am 26. September 1986 ein 23 Meter hoher und 20 Tonnen schwerer Turm über dem Markt der Bezirksstadt schwebte. Es handelte sich um den oberen Teil des ursprünglich 64 Meter hohen Jacobikirchturms, der auch als Hoher Turm bekannt war. Seit den schweren Luftangriffen auf die Stadt im März 1945 gab es ihn als Glockenturm der Stadt- und Marktkirche St. Jakobi nicht mehr. Bis dahin zählte er zu den ältesten erhaltenen Baudenkmälern der Stadt.
So manches Schicksal hatte der Turm erlebt, dessen unterer Teil bereits im Jahr 1333 in seiner heutigen Form stand. Blitzeinschläge und Brände hatten ihn wiederholt bedroht und beschädigt.
An allem, was die Herzen der Bürgerinnen und Bürger bewegte, nahm der Turm Anteil. So grüßten gläserne Lampen vom Turmumgang herab hohe Gäste der Stadt und bei freudigen Anlässen wehten die Fahnen. Der Türmer meldete, wo in der Stadt ein Feuer ausbrach; der Stadtpfeifer spielte mit seinen Gesellen fröhliche Melodien; die Chorschüler von St. Jakobi sangen geistliche Lieder und die Turmbläser begleiteten den Weihnachtsmarkt.
Anfang Februar 1946 stürzte die ungesicherte Ruine nach Süden hin ab und begrub einen Teil des Rathauses unter sich. Die in voller Höhe stehen gebliebene nördliche Turmhälfte musste daraufhin gesprengt werden. Bis 1950 wurde der Wiederaufbau auf eine Höhe von 32 Metern vorangetrieben und der Turm mit einem flachen Notdach abgedeckt.
Erst im Frühjahr 1986 wurde mit dem Wiederaufbau des hohen Turmkopfes in historischer Gestalt begonnen – in jener barocken Form, wie sie das Gebäude nach mehreren Bränden ab 1746 schmückte.
In den vorangegangenen Wochen wurde die neue Turmhaube zu Füßen des Rathauses gefertigt und am Erdboden zusammengesetzt. Um die alte Höhe zu erreichen, wurde zwischenzeitlich ein sieben Meter hohes Achteckgeschoss mit der früheren, bis 1913 genutzten, Türmerwohnung auf den Turm gemauert und der Umgang neu angelegt.
Ein Mobilkran hob die Dachkonstruktion an ihren endgültigen Standort in fast 41 Metern Höhe, wo Spezialisten sie auf der Plattform verankerten. Die Turmhaube mit Laterne entstand nicht wie einst aus Holz, sondern aus einer Stahlkonstruktion mit einem Schieferdach. Nach mehr als vier Jahrzehnten war die historische Turmgruppe im Stadtzentrum wieder vollständig.
(Quellen: Das Volk 1.10.1986; Archiv der Chemnitzer Hobbyhistoriker; u.a.)