Auf meiner Webseite habe ich bereits bekannte Möbelstoff-Fabriken wie Irdel, Rebling & Jähnig und August Hübsch vorgestellt. Mit der Möbelstoff-Weberei von C.A. Speer in der Aue 9, standen sie einst weltweit für Qualität und Innovationskraft und sorgten für ein gutes Renommee der Chemnitzer Möbelstoffindustrie.
Als viertes Unternehmen der Branche nahm die C. F. Thümer’sche Möbelstoff-Fabrik eine Sonderstellung als eines der ältesten Unternehmen am Platze ein. Gegründet im Jahr 1833 von Carl Friedrich Thümer, entsprang das Werk bescheidensten Anfängen in einer Zeit, als die Möbelstoff-Industrie noch gänzlich auf die Hausweberei angewiesen war. Damals nutzte der Fabrikant die Fertigkeiten zahlreicher Hilfskräfte aus Chemnitz sowie den Weberinnungen umliegender Gebirgsstädtchen wie Ehrenfriedersdorf, Marienberg und Lunzenau, bevor die Dampfkraft ihren Siegeszug antrat.
Expansion und architektonischer Wandel an der Zschopauer Straße
Nach dem Tod des Gründers im Jahr 1858 übernahm sein Sohn Robert Thümer die Leitung und verstand es meisterhaft, die Erzeugnisse den fortschreitenden Anforderungen der Zeit anzupassen. Unter seiner Regie erlebte das Etablissement an der Zschopauer Straße 43 einen massiven baulichen Aufschwung, der die technische Modernisierung widerspiegelte.

Im Jahr 1883 entstand im hinteren Teil des Grundstücks ein Fabrikneubau, der pünktlich zum 50-jährigen Firmenjubiläum fertiggestellt wurde. In diesem Jahr wurde auch die Firma unter der Nummer 261 ins neue Handelsregister aufgenommen.
Es folgten 1891 der Bau des Rohlagers auf der linken Hofseite sowie die Einrichtung eines Lagerhauses mit Oberlicht auf der rechten Seite. Nur zwei Jahre später, 1893, wurde ein Appretursaal errichtet, der die Verbindung zwischen Lager und Fabrik herstellte, während gleichzeitig die Kontorräume erheblich erweitert wurden. Die letzte große bauliche Erweiterung des Firmenkomplexes an der Zschopauer Str. 43 vor dem Ersten Weltkrieg erfolgte 1913 mit einem Anbau für das stetig wachsende Garnlager.
Familiäre Kontinuität und die Herausforderungen des Krieges

Als Robert Thümer im Jahr 1902 verstarb, hinterließ er ein für die Nachfolger bestmöglich bestelltes Werk, das zunächst von seiner Witwe Anna Thümer und dem ältesten Sohn Alfred weitergeführt wurde. Im Jahr 1911 wandelten die sechs Kinder der Familie das Unternehmen in eine G.m.b.H. um, wobei Alfred Thümer als Direktor die Geschicke leitete. Das Sortiment blieb dabei stets am Puls der Zeit und umfasste neben bewährten Möbelstoffen und Moquettes auch Tischdecken, Wagenstoffe, Vorhang- und Dekorationsstoffe. Diese Produkte richteten sich an ein breites Publikum, vermochten aber auch gehobene Ansprüche an die Geschmackskultur zu erfüllen. Um diese Qualität zu halten, wurde der Maschinenpark kontinuierlich modernisiert und gegen technische Neuheiten ausgewechselt.
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs markierte jedoch eine Zäsur, da die Rohstoffzufuhr aus Übersee und den Kolonien abriss. Mit rastlosem Eifer stellte sich die Firma auf die Verarbeitung von spröden Papiergarnen um, was einen schwierigen Umbau der Maschinen erforderte. In dieser Zeit fertigte man unter anderem Zeltbahnen, Brotbeutel, Sandsäcke und Lazarettdecken für die Heeresverwaltung. Selbst im zivilen Sektor hielten Papiergewebe Einzug, wobei man durch die Kombination mit edleren Abfallstoffen sowie die Fertigung von Divandecken und Wandborten versuchte, den Betrieb und einen gewissen Komfort aufrechtzuerhalten. Erst nach Kriegsende konnten die Maschinen unter hohem Kostenaufwand wieder für die Verarbeitung edlerer Materialien zurückgerüstet werden.
Der Weg in die Krise und das Ende einer Ära
Mitte der 1920er Jahre schien die Welt für die C. F. Thümer Möbelstoff-Fabrik noch in Ordnung zu sein, auch wenn die allgemeine Wirtschaftslage bereits als ungünstig beschrieben wurde. Man pflegte langjährige Geschäftsbeziehungen in Deutschland und belieferte Kunden im gesamten europäischen Ausland sowie indirekt in Südamerika und Südafrika. Zum 90-jährigen Bestehen im Jahr 1926 gab man sich noch kämpferisch und überzeugt, durch Solidität und Initiative den Weg zum hundertjährigen Jubiläum erfolgreich zu meistern.
„Eine Firma, die 90 Jahre hindurch sich durch kaufmännischen, großzügigen Geist und Erfassen alles Neuen durchgesetzt hat, wird auch auf dem Weg zum hundertjährigen Bestehen nicht zurückbleiben.“
Doch die Hoffnung auf eine dauerhafte Erholung erfüllte sich nicht. Die Weltwirtschaftskrise traf das Traditionsunternehmen mit voller Härte, sodass Anfang der 1930er Jahre der Betrieb eingestellt werden musste. Trotz der über Jahrzehnte bewiesenen Wandlungsfähigkeit konnte der Betrieb nicht mehr stabilisiert werden. Im Jahr 1935, nur zwei Jahre nach dem theoretischen 100-jährigen Jubiläum, wurde die Firma C. F. Thümer nach erfolgter Liquidation aufgelöst, schließlich Anfang Januar 1938 aus dem Chemnitzer Handelsregister gelöscht. Damit fand ein bedeutendes Kapitel der Chemnitzer Industriegeschichte an der Zschopauer Straße sein Ende.
Nutzungsänderung
Doch schon zum Jahresende 1935 war man mit der Stadt Chemnitz zur Nachnutzung des Grundstückes und den Gebäuden in Verhandlung getreten. Die Firma erklärte sich nach den getroffenen Vereinbarungen bereit, die Gebäude zu einem schlüsselfertigen Altersheim auszubauen und herzurichten. Ziel war es, älteren Webern und Volksgenossen eine entsprechende Betreuung zu ermöglichen. Nach der Erteilung der aufsichtsbehördlichen Genehmigung wurden die Bauarbeiten unverzüglich in Angriff genommen. Mit Unterstützung im Rahmen des Arbeitsdienstprogrammes konnte bereits am 9. Juli 1936 das neue „Thümerhaus“ mit 65 altersgerechten Ein- und Zweizimmerwohnungen, einer Gemeinschaftsküche und einem Lesezimmer in Betrieb genommen werden. Gleichzeitig wurde der Übergang zum danebenliegenden Park (Schlageterplatz) neu ausgestaltet. Dabei wurde im Dezember 1937 auch die 1914 von Bruno Ziegler geschaffene Figur „Textilia“ aufgestellt.
In den Bombenangriffen zum Ende des Zweiten Weltkrieges wurde das Altersheim in Schutt und Asche gelegt und später beräumt.
Lange Zeit prägte die Altbebauung das Stadtbild auf der linken Seite der Zschopauer Straße am Rande des Parks der OdF. Diese wurde ab 1999 entfernt und in den Jahren 2001 bis 2004 wurde an ihrer Stelle das Gebäude der Deutschen Bundesbank, Filiale Chemnitz, nach Plänen des spanischen Architekten Josep Lluís Mateo errichtet.
Quellen: Buch „Jubiläumsfirmen des Handelskammerbezirkes Chemnitz“ – 1926; Buch „Chemnitz- Industrie- und Handelstadt“ – 1937; Ausschnitte aus verschiedenen sächsischen Tageszeitungen, zu finden unter SLUB-Dresden.de; Sammlung Chemnitzer Hobbyhistoriker