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Das Stadtbild von Chemnitz um 1800

    Für jeden Chemnitzer dürfte es wohl von Interesse sein, zu erfahren, wie es um das Jahr 1800 in unserer Stadt aussah.

    Grundriß des befestigten Chemnitz

    Chemnitz von 1800 bestand nur aus der gegenwärtig inneren Stadt und aus einigen Vorstädten, welche sich an den Landstraßen oder an fließenden Gewässern hinzogen. Dem Brauche damaliger Zeit entsprechend, baute man in der Hauptsache nur einstöckige Gebäude, welche meistenteils nur von einer Familie bewohnt wurden. Die aus jenen Tagen erhaltenen Häuschen bilden einen seltsamen Gegensatz zu den modernen „Mietskasernen”, welche vier bis fünfstöckig gen Himmel ragen. Zum äußeren Aussehen der Häuser passten die Straßen und Gassen. Eng, finster und kurz waren sie, doch für den Verkehr von 1800 genügend.

    Die Marktplätze sind bis auf unsere Tage unverändert geblieben, mit Ausnahme des Neumarktes — früher Topfmarkt genannt — welcher eine Vergrößerung erfahren hat.

    Unser Chemnitz war im Mittelalter eine starke Festung und 1800 war die schützende Ringmauer noch vorhanden. Auf diese Mauer hatte man als Beobachtungspunkte bei nahender Gefahr viereckige Türmchen aufgebaut, deren einer uns erhalten geblieben ist.

    Um den anstürmenden Feinden wirksamer widerstehen zu können, befand sich außerhalb der Stadtmauer ein tiefer Graben, der, wenn die Stadt in Gefahr kam, mit Wasser gefüllt wurde, doch hatte er um 1800 seine eigentliche Bestimmung nicht mehr zu erfüllen. Die Zeiten des erobernden Rittertums waren dahin, und so befanden sich denn im Stadtgraben teils Felder, teils Bürgergärten.

    In das Innere der Stadt führten vier Haupttore, nördlich war das Kloster-, westlich das Nikolai-, südlich das Chemnitzer und östlich das Johannisthor. Für Handwerksburschen und Bettler gab es ein besonderes „Pförtchen“ in der Nähe der Paulikirche. Ein Name, an den der heutige Pfortensteg erinnert. Über den Stadtgraben führten in den ältesten Zeilen als Fortsetzung der vier Stadttore hölzerne Brücken, die bei Gefahr in die Höhe gezogen wurden; 1800 waren die hölzernen Brücken längst durch Steinerne ersetzt. Die Aussicht an den Stadttoren und die Beobachtung des Verkehres in die Stadt und aus der Stadt oblag den Stadtsoldaten, welche sich in den Wachstuben, die sich in unmittelbarster Nähe der Tore befanden, aufhielten.

    Blick vom Kaßberg auf die Stadt – um 1850

    Durch das Nikolaitor kam man in die Nikolaivorstadt, welche gebildet wurde durch die Häuser der Zwickauer- und Stollbergerstraße. Das Areal der heutigen Stollbergerstraße war damals nur von Wäldern und Wiesen bedeckt, die anmutigen Landhäuser mit ihren schönen Gärten sind erst im Laufe der jüngsten Jahrzehnte entstanden. Nur das Restaurant „Wind” war schon vorhanden und bildete ein beliebtes Ziel bei Ausflügen.

    Durch das Marktgäßchen, dem sich das Chemnitzer Gäßchen anschloss, kam man durch das Chemnitztor in die Chemnitzvorstadt. An diese schloss sich eine kleine Vorstadt an, welche die „Aue” hieß und ihren Namen und Entstehung dem Fluße verdankte, den man damals zu mannichfachen Gebrauche sich nutzbar gemacht und an dessen Ufern man sich niedergelassen hatte.

    Vom Johannistore aus gelangte man in die Johannisvorstadt, deren Häuser sich zu beiden Seiten der Dresdner- und Zschopauerstraße hinzogen. Diese Vorstadt wurde nach der in ihr befindlichen  Johanniskirche so genannt. An diesen Teil von Chemnitz reihten sich die Häuser der Gablenzvorstadt an, das vom Flüßchen Gablenz durchflossen wird und dem Stadtteil seinen Namen verliehen hat.

    Durch das Klosterthor gelangte man in die Klostervorstadt, die durch die Ansiedelungen an der Leipzigerstraße gebildet wurde. Zu diesem Stadtteile befand sich das ehemalige Kloster, von dem heute noch die Kirche, der Klosterhof und das Wirtschaftsgebäude erhalten sind. Das letzte Gebäude hat heutigen Tags seinen Charakter vollständig verändert, denn wo vor Jahrhunderten die Mönche ihren Pflichten und Obliegenheiten nachgingen, labt sich in unserer Zeit der Chemnitzer an einem Glase edlen Gerstensaftes. Wie würde sich wohl solch’ ein frommer Frater bekreuzigen, sähe er sonntags das muntere Treiben und Zechen auf „Schloß Miramar”. Nebenbei bemerkt, fällt die Gründung dieses Benediktinerklosters schon ins Jahr 1125, 1546 wurde es aufgehoben und 1555 vom damaligen Landesherrn in ein Schloß verwandelt. Daher stammt der Name der Anhöhe, auf welcher das Schloß stand, Schloßberg. Vom Schloß aus genießt man einen herrlichen Blick aus die weite Wasserfläche des Schloßteiches. Zu Anfang dieses Jahrhunderts befand sich derselbe noch im Privatbesitze, während er heutigen Tages bekanntlich Eigentum der Stadt ist.

    Damals bot er noch das ursprüngliche Bild eines Weihers dar, ringsum mit hohem Schilfe bewachsen. Auch die Insel ist erst späteren Datums, ganz zu geschweigen von den herrlichen Anlagen, die ihn jetzt rings umgeben.

    Die Lindenstraße und der Anger um 1840

    Chemnitz besaß um damalige Zeit auch einen Gemeindeweideplatz, den man „Anger” hieß. Diese Stadtwiese war der heutige Schillerplatz und Neustädter Markt. Das Vieh trieb man nach dieser Weide durch ein Gäßchen zwischen dem Kloster- und Johannistore, die Kühgasse. An diesen Weideplatz schloß sich die sogenannte Angervorstadt an. Der Eingang vom Johannisplatz nach der Königstraße hieß das Spielgäßchen, dessen Verlängerung eine Lindenallee bildete und auf deren rechten Seile sich die Lindenschenke, jetzt „Gasthaus zur Linde” befand.

    In den Vorstädten waren die Häuschen meist von Gärten umgeben, welche den Ansiedelungen ein freundliches Gepräge verliehen. Sie wurden jedenfalls einen seltsamen Gegensatz zu den heutigen Vorstädten bilden, wo man in „der Straßen langen Zeilen” sich fast vergeblich nach einem Stücke Gartenland umsieht.

    Öffentliche Anlagen für die Erholung der Einwohner und zum Schmucke der Plätze gab es noch nicht, doch hatte man im Stadtgraben, so weil er ausgefüllt war, sich Blumengärten angelegt. Bis dicht an die Vorstädte waren Wiesen, die meist zur Bleicherei benutzt wurden. Ebenso bestand die Gegend zwischen der heutigen Zschopauer- und Annabergerstraße nur aus Wiesen; an diese weiten Wiesenflächen erinnert noch der Name der Hauptstraße des Viertels, welches dort entstanden ist, nämlich die „Wiesenstraße”.

    Auch der Niklasberg mit der Nikolaikirche ist erwähnenswert. Dieser Berg führte früher den Namen „Hüttenberg”, weil sich daselbst Schmelzhütten befunden hatten.

    Der Sonnen- und Kaßberg waren um 1800 noch gänzlich unbebaut, wo heute die völkerreichste Vorstadt liegt, war dichter Wald, und wo jetzt anmutige Villen das Auge ergötzen, ging der Bauer hinter dem Pfluge her.

    Der Chemnitzer Marktplatz um 1820 mit dem Gewandhaus rechts

    Die Bewohner, deren man 1803 9900 zählte, verdienten ihr Brot durch mancherlei Gewerbe, hauptsächlich durch die Weberei. Bereits 1800 wurde die erste Baumwollspinnerei nach englischem Systeme durch einen Engländer Namens Whitefield in Schloß-Chemnitz eingerichtet. Eine Merkwürdigkeit des alten Chemnitz waren die ausgedehnten Bleichwiesen zu beiden Seiten der Chemnitz, aus denen alle Erzeugnisse der Weberei, die in einem gewissen Umkreise der Stadt gefertigt waren, gebleicht werden mußten. Ein Teil dieser Bleichwiesen hieß „Rathsbleiche”, welche im Besitze der Stadt war. Die gefertigten Waren stellte man in einem besonderen Gebäude, dem „Gewandhause”, zum Verkaufe aus, welches sich auf dem heutigen Neumarkte befand. Um 1800 war man in Chemnitz schon zu ziemlicher Fertigkeit in der Kattunfabrikation gekommen, ja Muster druckte man schon auf den Kattun, und diese gemusterten Sachen fanden viel Beifall. Dagegen hat sich der Maschinenbau, jetzt eigentlich der industrielle Hauptzweig in Chemnitz, erst im Laufe der letzten 50 Jahre zu solch’ ungeahnter Höhe empor geschwungen, um 1800 gab es in unserer Stadt noch keinen Maschinenbau.

    Blick von der Zschopauer Straße auf Chemnitz

    Das Wasser für die Stadt leitete man aus dem Gold- und Blauborne im Zeisigwalde in große Bottiche, die auf den Plätzen und breiteren Gassen ausgestellt waren. An diesen Wasserbehältern fanden sich besonders morgens und abends die Mägde ein, um unter Schäkern und Lachen den Wasserbedarf zu schöpfen. Am Abend spendeten statt der Gasflammen Öllampen, die an Drähten über die Straße hingen, den Passanten ein mehr als zweifelhaftes Licht. Von regelmäßig gepflasterten Straßen und bequemen Trottoirs war man weit entfernt. Nur vor einzelnen Häusern lagen größere Steinplatten, zwischen denen das Gras ungehindert sproß. In der Hauptsache waren die Fahrstraßen mit dem holprigen Spitzpflaster versehen, welches für die Hühneraugen unserer Tage wenig geeignet wäre.

    Den Personenverkehr nach auswärts versahen die Postfuhren. Die Postwagen, gelb angestrichen, hatten gewöhnlich zwei Abteilungen. Das Gepäck der Reisenden barg man in einem Beiwagen, welcher hinter der Postkutsche herfuhr. Damals lag im Personenverkehre noch mehr Poesie als heute. Im gelben Fracke, weißen Lederhosen und schwarzem Glanzhute saß der Schwager auf dem hohen Bock und lenkte die mutig ausgreifenden Rosse. Von Zeit zu Zeit mischte sich in das einförmige Pferdegetrappel ein munteres Lied, welches der Schwager seinem blanken Hörne entlockte. Dahin, dahin! Der alles beherrschende Dampf hat die historische, gelbe Postkutsche verdrängt und heute hören wir beim Wandern nicht mehr das wehmühtige: „Muß i denn, muß i denn zum Städtele hinaus”, sondern das langgezogene schrille Pfeifen des schnaubenden Dampfrosses. Die in Chemnitz verfertigten Waren wurden mittels der Botenfuhrwerke an ihren Bestimmungsort gebracht, ein Verfahren, welches sich zum kleinsten Theile noch bis heute erhalten hat.

    Als Gotteshäuser gab es die Johannis- und Jakobikirche. Diese letztere, welche nach 1389 erbaut und unter anderen Bildern auch ein von Lucas Cranach gemaltes besitzt, war um 1800 viel einfacher in der Ornamentik, als heute. In ihrem Inneren befand sich in alten Zeilen ein wundertätiges Marienbild, zu welchem die Bewohner der Umgebung im Jahre zwei Wallfahrten machten. Diese Wallfahrten sind die Ursache der zwei Jahrmärkte — einer im Hochsommer und einer im Herbste — geworden.

    Die Johanniskirche, jetzt Paulikirche genannt, steht auf dem Platze, auf dem sich früher ein Barfüßerkloster erhob. Die Mönche nannte man Brüder. Von den Insassen des Klosters rührt der Name „große Brüdergasse” her, demselben Umstande verdankt die „kleine Brüdergasse” ihre Benennung. Die Bewohner der Vorstädte waren Teils in die alte Johanniskirche eingepfarrt, teils in die Nikolaikirche. Zur ersten gehörten die Vordörfer Gablenz und Bernsdorf, zur letzteren Altendorf, Kappel, Schönau, Helbersdorf und das Rittergut Höckericht.

    Blick von Norden auf die Stadt – links das Schloß – im Hintergrund das stilisierte Erzgebirge

    Zur Pflege der Gesellschaft und Geselligkeit bestand als sehr beliebter Verein die Schützengesellschaft. Sie besaß an der Annabergerstraße einen Platz, auf den die Übungen abgehalten wurden. Ihr Gesellschaftshaus war das heute noch bestehende Schützenhaus. Das Hauptvergnügen für die Chemnitzer war das Schützenfest, welches diese Gesellschaft schon damals jährlich in der Pfingstwoche veranstaltete.

    Auch ein Kasino besaß Chemnitz; diese gesellige Vereinigung hatte ihr eigenes Gesellschaftshaus in der kleinen Brüdergasse. Für die Theaterliebhaber befand sich ein Tempel der Thalia in Schütze’s Hof. Ob hier nur klassische Stücke zur Ausführung gebracht wurden, lassen wir dahingestellt. An schönen Tagen bildeten das Waldschlößchen, der Wind, der Kesselgarten in der Schloßvorstadt, Erler’s Gasthaus und andere Gastwirtschaften den Zielpunkt für viele Spaziergänger. Fand am Abend keine größere gesellschaftliche Vereinigung statt, so saßen die ehrsamen Bürger in den Schenkstuben und Herbergen bei einem Glase guten einfachen Bieres beisammen, schmauchten ihr Pfeifchen Knaster und diskutierten lebhaft über das Wohl und Wehe ihrer Stadt.

    Das ist ungefähr das Bild, welches Chemnitz vor über 90 Jahren dem Beschauer vor’s Auge führt, Chemnitz, um 1800 ein Städtchen von nicht ganz 10000 Einwohnern und heute eine Industriestadt ersten Ranges, bekannt und geachtet bis in ferne Erdteile.

    Gekürzter Originaltext im Schriftstil von 1891.

    (Quellen: Chemnitzer Tageblatt, 4. Juli 1891, Illustrationen aus “Unsere Heimatstadt in Bildern” Heft 1 und SLUB-Dresden.de)

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