Chemnitzer Tore von einst

Chemnitz, die Feste!
So nannte einst Herzog Georg der Bärtige (1500-1539) unsere Stadt. Daß sie diesen Ehrennamen wirklich verdiente, das bezeugt ein Blick auf irgendeine der alten Stadtbilder, etwa auf die bekannte Federzeichnung von W.Dilich aus dem Jahre 1630. Da erscheint uns Chemnitz als ein mauerumwalltes, mit vielen Türmen bewehrtes Städtlein. Ursprünglich, als es noch unbedeutender Kolonieort im Pleißner Lande war, mag, nach den dunklen Andeutungen ältester Ortsgeschichtsschreiber, eine Pfahlverzäunung für diese Siedlung genügt haben. Aber schon kurz vor der Stadtwerdung (1143) sei eine ordentliche Mauer notwendig geworden. Denn, so berichtet C. G. Kretschmar in seiner Ortsbeschreibung aus dem Jahre 1822: „Nur ummauerte Städte konnten eigene Stadtgerichte und Stadtrat erlangen. Und beide erhielt Chemnitz erst unter Kaiser Lothar (1125-1137) und Friedrich I. (1152-1190). Auch führte seitdem Chemnitz als kaiserliche Reichsstadt drei gemauerte Türme im Wappen zum Zeichen einer Burg oder Stadt“.

Freilich, diese Türme und die Stadtmauer mögen noch sehr bescheiden gewesen sein, vielleicht eine niedrige Ringmauer mit Wall. Erst von 1376 ab, unter dem Markgrafen Wilhelm 1. von Meißen bekam Chemnitz eine stärkere Befestigung, eine zweite äußere oder Zwingermauer und vier gemauerte Tore. Die auf der erwähnten Dilich’schen Federzeichnung sichtbaren 25 Mauertürme sind erst im Laufe des 15. und 16. Jahrhunderts entstanden. Der Volksmund verlieh ihnen teilweise höchst merkwürdige Namen. wie „Bürgerlust“ und „Hundehaus“ und „Wolfspelz“ usf. Die örtlich bedeutsamsten Türme waren zweifelsohne die der vier Haupt- und Stadttore, die nach den vier Himmelsgegenden schauten. In diese Tore mündeten die von den benachbarten Städten und Dörfern nach Chemnitz führenden Straßen. Im Osten war das Johannistor, nach der in unmittelbarer Nähe, aber noch außerhalb der Stadtmauern gelegenen Johanniskirche benannt. Südwärts, gegenüber der Annaberger Straße. stand das Chemnitzer Tor. Das hatte seinen Namen davon, weil von hier aus der Weg nach Altchemnitz führte.

Die Pforte

Gen Westen erhob sich das Nikolaitor, das der ebenfalls außerhalb der Stadtmauern befindlichen Nikolaikirche seinen Namen verdankte und das am westlichen Ausgang der Langen Straße (beim Zusammenstoß der Poststraße und Theaterstraße) seinen Standort hatte. Das Klostertor aber im Westen wies hin auf die Wiege der Stadt, auf das hochgelegene Berg- oder Benediktinerkloster. Ziemlich spät, erst um 1755, kam noch das engnachbarlich der heutigen Paulikirche seinen Platz behauptende Pfortentor dazu, das aber von nebensächlicher Bedeutung war. Der Pfortensteg erinnert noch daran.

Die diese einzelnen Tore krönenden Mauertürme sind erst während des 16. Jahrhunderts erbaut worden, und zwar der Chemnitzer Torturm um 1521, der Klosterturm 1547, der Nikolaitorturm 1593 und der des Johannistores 1597. Einer der alten Ortsgeschichtler bemerkt, es wäre zweckmäßiger gewesen, diese Tortürme, die mit eisernen Schutzgattern und Aufzugbrücken versehen waren, nach den zunächst gelegenen größeren Städten zu benennen. Also hätte das Johannistor, durch das die Fuhrwerke und Posten nach Freiberg und Dresden rollten, Freiberger oder Dresdner Tor, das Klostertor Leipziger, das Nikolaitor Zwickauer und das Chemnitzer Annaberger Tor genannt werden müssen. Nur die Pforte, die keinem Fuhrwerk Durchfahrt bot, weil sie auf keine Straße führte, wäre eben die Pforte geblieben.

Sämtliche vier Stadttore mit “Rondas” besaßen Wachtstuben für die Torwachen und Wohnungen für die Torschreiber, die jeden Ein- und Ausgang der Person und der Ursache nach im Wachtbuche vermerken mußten. Auch im „neuen Tore“ (der Pforte) befand sich eine Wärterwohnung. Hier mußten die ein- und auswandernden Handwerksgesellen beim Torwärter ihre Wanderbücher und sonstigen „Papiere“ vorzeigen. Die Einwanderer bekamen eine gedruckte Anweisung. sich auf ihre Herbergen zu begeben und sich des Bettelns zu enthalten. Die vier Haupttore waren nachts geschlossen, und zwar im Winter von abends 9 Uhr bis früh 5 Uhr, im Sommer von abends 10 Uhr bis früh 4 Uhr. Wer sich verspätet hatte und Einlaß begehrte, der durfte durch eine kleine Nebentüre eintreten, mußte aber an den Torschreiber eine Vergütung entrichten. Auch an Sonn- und Feiertagen blieben die Tore während der Gottesdienststunden geschlossen. Nur an den Sonntagnachmittagen ergoß sich dann der Strom der Spaziergänger durch die geöffneten Tore hinaus in die Dörfer der nächsten Umgebung: Altchemnitz, Bernsdorf, Gablenz, Furth usw. in die Chemnitzaue, dann wurde es auch hierorts erlebt, was Goethe so anschaulich im Osterspaziergang des „Faust“ vom Katharinentore seiner Heimatstadt Frankfurt schildert: „Aus dem hohlen, finstern Tor dringt ein buntes Gewimmel hervor…“

An das Johannis- und Nikolaitor, später wohl auch an die beiden anderen Tore, schlossen sich Vorstädte an. z. B. die Angervorstadt. die Johannisvorstadt, die Grabenvorstadt, die Chemnitzvorstadt, die Vorstadt Aue, die Amtsvorstadt Niklasgasse usw. Diese Vorstädte sowie die gesamte Stadtflur waren durch Umzäunung sowohl gegen feindliche Angriffe als auch gegen Wildschaden geschützt.

Was haben die alten Stadttore nicht alles an freudigen. aber mehr an leidvollen ortsgeschichtlichen Ereignissen ein- und ausziehen sehen! Nur an die jahrzehntelang währenden Sturmzeiten des Dreißigjährigen Krieges braucht erinnert zu werden. Als am 5. September 1631 der eigentliche Kriegszustand für Chemnitz begann, wurden sofort 2 Türme, das Chemnitzer und das Klostertor, zugeschüttet, die über den mit Wasser gefüllten Stadtgraben führenden Brücken zum Teil abgebrochen und die Türme mit starken Wachtposten durch bewaffnete Bürger besetzt. Zwar ging durch Tillys Niederlage bei Breitenfeld (7. September 1630) die Gefahr noch einmal glücklich vorüber. Aber im folgenden Jahre kehrte sie um so stärker wieder.

 

Am 23. August 1632 befand sich das Chemnitzer Tor in höchster Gefahr. Eine stattliche kaiserliche Kriegerschar unter dem uns aus Schillers „Wallenstein“ bekannten Obrist Buttler erschien vor diesem Tore, brannte dreißig in der Chemnitzer Vorstadt befindliche Häuser nebst einigen Scheunen, auch vier Häuser in der Aue und die Schenke in der Niklasgasse nieder. Das Tor vermochten die Feinde nicht zu überwältigen. Am 27. September 1632 begann der Sturm auf das inzwischen stark befestigte Johannistor. Die Aufforderung zur Übergabe wurde wiederholt abgeschlagen. Schließlich entzogen die kaiserlichen Truppen der Stadt das Röhrwasser. Nunmehr suchten Rat und Viertelsmeister den Kommandanten, Hauptmann von Reibel, dem nur eine Kompanie sächsischer Infanterie zur Verfügung stand, zur Übergabe zu bewegen. Schweren Herzens stimmte der Kommandant angesichts der ernsten Lage zu. Der auf Schloß Chemnitz die Belagerung leitende General Holke genehmigte den Vertrag. Die Besatzung streckte die Waffen und erhielt durch das Johannistor freien Abzug. Nunmehr mußten sich sämtliche Stadttore den kaiserlichen Heerscharen öffnen.

Den ganzen Oktober hindurch zogen Abteilungen der kaiserlichen Armee zu einem Tore herein und zum anderen wieder hinaus.

Die schlimmste Not kam Mitte November 1632. Schon durch die vorangegangenen Stürme vermochten die Stadttore und Mauern kaum Widerstand mehr zu leisten. Die Häuser auf dem Graben der Kloster-, Johannis- und Chemnitzertorseite gingen in Flammen auf. Fast die gesamten Vorstädte erlitten das gleiche Schicksal. Die Bürgerschaft wurde aufs schwerste gebrandschatzt. Im nächsten Jahre wütete die Pest. Wohl an die 3000 Bewohner machte sie mit ihrem giftigen Hauche bleich und starr. Als im Jahre 1639 ein neuer Kriegsabschnitt begann, wurden sämtliche Tore. bis auf das Nikolaitor erneut verschüttet, die Tore an der Innenseite mit eisernen Türen und Latten beschlagen und die Torbrücken abgebrochen. Noch jahrelang, bis 1645 dauerte die Kriegsnot.

Die alten Tortürme, die sich schon längst als völlig ungenügender Schutz für die Stadt erwiesen hatten, verfielen immer mehr. Im Jahre 1805 war das Johannistor so baufällig. daß es, um dem drohenden Einsturz zu begegnen, abgetragen werden mußte. Am 24. April 1806 entschied die sächsische Regierung, daß die Festungswerke niederzulegen wären. Türme und Mauern wurden der Stadt zum Abbruch überlassen. Schnell verschwanden Nikolai- und Klostertor. Nur dem Chemnitzer Tore war noch ein etwas längeres Dasein beschieden; denn im Jahre 1811 wurde die Amtsfronfeste, die sich bis dahin auf dem Schlosse befunden hatte, im Anbau des Chemnitzer Tores untergebracht.

Aber 1855 verfiel auch dieses Stadttor der Spitzhacke. Die alten Befestigungswerke, die jahrhundertelang den Stürmen getrotzt, waren dem Erdboden gleichgemacht Nur ein einziger Zeuge ist übrig geblieben: der leider unzugängliche, auf die nahe Theaterstraße herüberblickende Rote Turm. Er allein erhebt noch sein trutziges Haupt über Giebel und Dächer. Er allein noch erinnert an jene ferne Zeit, wo unsere Stadt den Ehrennamen trug: Chemnitz, die Feste!

(Textquelle: Chemnitzer Tageszeitung, 9./10.August 1941, Bildquelle: Geschichte der Fabrik- und Handelsstadt Chemnitz von C.W. Zöllner – Chemnitz 1888)