Das Stadtbild von Chemnitz um 1800

Blick von der Zschopauer Straße auf Chemnitz

Das Wasser für die Stadt leitete man aus dem Gold- und Blauborne im Zeisigwalde in große Bottiche, die auf den Plätzen und breiteren Gassen ausgestellt waren. An diesen Wasserbehältern fanden sich besonders morgens und abends die Mägde ein, um unter Schäkern und Lachen den Wasserbedarf zu schöpfen. Am Abend spendeten statt der Gasflammen Öllampen, die an Drähten über die Straße hingen, den Passanten ein mehr als zweifelhaftes Licht. Von regelmäßig gepflasterten Straßen und bequemen Trottoirs war man weit entfernt. Nur vor einzelnen Häusern lagen größere Steinplatten, zwischen denen das Gras ungehindert sproß. In der Hauptsache waren die Fahrstraßen mit dem holprigen Spitzpflaster versehen, welches für die Hühneraugen unserer Tage wenig geeignet wäre.

Den Personenverkehr nach auswärts versahen die Postfuhren. Die Postwagen, gelb angestrichen, hatten gewöhnlich zwei Abteilungen. Das Gepäck der Reisenden barg man in einem Beiwagen, welcher hinter der Postkutsche herfuhr. Damals lag im Personenverkehre noch mehr Poesie als heute. Im gelben Fracke, weißen Lederhosen und schwarzem Glanzhute saß der Schwager auf dem hohen Bock und lenkte die mutig ausgreifenden Rosse. Von Zeit zu Zeit mischte sich in das einförmige Pferdegetrappel ein munteres Lied, welches der Schwager seinem blanken Hörne entlockte. Dahin, dahin! Der alles beherrschende Dampf hat die historische, gelbe Postkutsche verdrängt und heute hören wir beim Wandern nicht mehr das wehmühtige: „Muß i denn, muß i denn zum Städtele hinaus”, sondern das langgezogene schrille Pfeifen des schnaubenden Dampfrosses. Die in Chemnitz verfertigten Waren wurden mittels der Botenfuhrwerke an ihren Bestimmungsort gebracht, ein Verfahren, welches sich zum kleinsten Theile noch bis heute erhalten hat.

Als Gotteshäuser gab es die Johannis- und Jakobikirche. Diese letztere, welche nach 1389 erbaut und unter anderen Bildern auch ein von Lucas Cranach gemaltes besitzt, war um 1800 viel einfacher in der Ornamentik, als heute. In ihrem Inneren befand sich in alten Zeilen ein wundertätiges Marienbild, zu welchem die Bewohner der Umgebung im Jahre zwei Wallfahrten machten. Diese Wallfahrten sind die Ursache der zwei Jahrmärkte — einer im Hochsommer und einer im Herbste — geworden.

Die Johanniskirche, jetzt Paulikirche genannt, steht auf dem Platze, auf dem sich früher ein Barfüßerkloster erhob. Die Mönche nannte man Brüder. Von den Insassen des Klosters rührt der Name „große Brüdergasse” her, demselben Umstande verdankt die „kleine Brüdergasse” ihre Benennung. Die Bewohner der Vorstädte waren Teils in die alte Johanniskirche eingepfarrt, teils in die Nikolaikirche. Zur ersten gehörten die Vordörfer Gablenz und Bernsdorf, zur letzteren Altendorf, Kappel, Schönau, Helbersdorf und das Rittergut Höckericht.

Blick von Norden auf die Stadt – links das Schloß – im Hintergrund das stilisierte Erzgebirge

Zur Pflege der Gesellschaft und Geselligkeit bestand als sehr beliebter Verein die Schützengesellschaft. Sie besaß an der Annabergerstraße einen Platz, auf den die Übungen abgehalten wurden. Ihr Gesellschaftshaus war das heute noch bestehende Schützenhaus. Das Hauptvergnügen für die Chemnitzer war das Schützenfest, welches diese Gesellschaft schon damals jährlich in der Pfingstwoche veranstaltete.

Auch ein Kasino besaß Chemnitz; diese gesellige Vereinigung hatte ihr eigenes Gesellschaftshaus in der kleinen Brüdergasse. Für die Theaterliebhaber befand sich ein Tempel der Thalia in Schütze’s Hof. Ob hier nur klassische Stücke zur Ausführung gebracht wurden, lassen wir dahingestellt. An schönen Tagen bildeten das Waldschlößchen, der Wind, der Kesselgarten in der Schloßvorstadt, Erler’s Gasthaus und andere Gastwirtschaften den Zielpunkt für viele Spaziergänger. Fand am Abend keine größere gesellschaftliche Vereinigung statt, so saßen die ehrsamen Bürger in den Schenkstuben und Herbergen bei einem Glase guten einfachen Bieres beisammen, schmauchten ihr Pfeifchen Knaster und diskutierten lebhaft über das Wohl und Wehe ihrer Stadt.

Das ist ungefähr das Bild, welches Chemnitz vor über 90 Jahren dem Beschauer vor’s Auge führt, Chemnitz, um 1800 ein Städtchen von nicht ganz 10000 Einwohnern und heute eine Industriestadt ersten Ranges, bekannt und geachtet bis in ferne Erdteile.

Gekürzter Originaltext im Schriftstil von 1891.

(Quellen: Chemnitzer Tageblatt, 4. Juli 1891, Illustrationen aus “Unsere Heimatstadt in Bildern” Heft 1 und SLUB-Dresden.de)

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