Ein Stadtbild – Chemnitz in den Zwanzigern

Kein mächtiger Strom trägt die Schönheit in unsere Stadt, kein stolzer Dom wölbt sich als Wahrzeichen einer künstlerischen Hochkultur über die Dächer – Essen über Essen ragen zum Himmel und der Menschenstrom, der die Straßen erfüllt, schlendert nicht im behaglichen Nichtstun dahin, ein Rhythmus beherrscht alles – Stadt wie Bewohner – die Arbeit. Und sie, und nur sie hat der Stadt ihren Stempel aufgedrückt. Und trotzdem lieben wir unsere Stadt, und wer sich in ihr festgenistet, will sie nicht mehr verlassen. Ruß-Chemnitz hat man sie gescholten, obwohl es uns nicht schwer fallen würde, auch Stadtteile in Dresden oder Leipzig aufzufinden, die den Straßen in unseren Fabrikvierteln nichts nachgeben. Viele Beurteiler kennen unsere Stadt nur vom gelegentlichen Vorbeifahren, wobei allerdings zugestanden werden muß, daß die Linie Dresden-Reichenbach nicht gerade an den anmutigsten Stadtteilen vorüberführt. Wer eine Behörde auf dem Kaßberg aufsuchen muß, wird seine Meinung bald ändern, dabei ist dies nicht der einzige Stadtteil, der mit schönen Straßen, Villen usw. aufwarten kann.

Chemnitz ist mehr wie andere Großstädte Hauptstadt eines Gebietes. Der Kreishauptmannschaftsbezirk zählt 1 Million Einwohner! Die nähere und weitere Umgebung der Stadt weist blühende Städte, industriereiche Dörfer in großer Menge auf. Wie sich das natürlich auf Geschäft und Verkehr der Zentralstadt auswirkt, braucht man nicht besonders zu betonen. Man halte sich am frühen Morgen auf einem der Chemnitzer Bahnhöfe auf. Ununterbrochen bringen die Arbeiterzüge Tausende von Männern und Frauen, Burschen und Mädchen. Ein unaufhaltbarer Strom ergießt sich auf die benachbarten Straßen, bis die Straßenbahnen und Fabriktore die Arbeiter aufgenommen haben. Wenig später beherrschen bunte Mützen, Schultasche und Reißbrett die Bahnsteige, denn so viele junge Menschenkinder kommen von nah und fern herbei, um in den Schulen unserer Stadt, die bei weitem dem Andrange nicht genügen können, Wissen und Anregung fürs ganze Leben zu empfangen. In den zeitigen Vormittagsstunden treffen die Leute ein, die den Besuch einer Behörde vorhaben, auch Einkäufe bewirken wollen, oder beides miteinander verbinden. Lebhafter Verkehr herrscht auf den Straßen, besonders der inneren Stadt, der sich gegen den Abend in beängstigender Weise steigert, wenn Arbeit, Schule und Geschäfte erledigt sind und die fremden Gäste wieder den Bahnhöfen zuströmen. Viele benutzen wohl auch den Abend, um ein Theater oder Konzerte zu besuchen, an beiden ist nie Mangel.

Unter den „Auswärtigen“ ist ein starker Einschlag von Gebirglern in die Augen fallend, und wer nicht glaubt, daß Chemnitz, nicht nur durch seine Behörden, die Hauptstadt des erzgebirgischen Kreises darstellt, der höre einmal, besonders in den Vororten, die spielenden Kinder auf den Straßen oder die einkaufenden Frauen und Mädchen in den Läden an! Er wird soviel erzgebirgische Laute vernehmen, daß er sich nicht mehr fremd fühlen kann. Ein gut Teil der Chemnitzer stammt ja aus dem Gebirge, und nur die Arbeit hat sie in der Großstadt seßhaft gemacht.

Ein waldgrüner Kranz von Höhen umgibt den großen Talkessel, in dem sich Chemnitz ausbreitet. Am Chemnitzflusse liegt der ältere, verkehrsreichere Teil, die neueren Stadteile, vielfach nur zu Wohnzwecken verwendet, bedecken die südlichen und westlichen Bodenerhebungen, den Sonnenberg, Kaßberg usw. Der letztgenannte Name war früher vielfach etwas anrüchig. Wenn früher jemand „auf den Kaßberg“ musste, so war das oft ein recht peinlicher Besuch, der sich unter Umständen auf Wochen oder Monate ausdehnen konnte. Man errät wohl unschwer, das dies mit dem Justizgebäude in dem genannten Stadtteil zusammenhing, unter dem sich viele zunächst eine Art Hohenasperg oder Plassenburg vorstellten.

Mit Erstaunen wird der Fremdling bemerken, wie an allen Ecken und Enden, wohlgepflegte Anlagen mit prächtigen Beeten, auch Denkmäler und Statuen das Straßenbild zu beleben versuchen. Besonders der in unmittelbarer Nähe eines der größten Fabriketablissements gelegene Schloßteich vermag auch verwöhntere Augen zu entzücken, wenn sie über die gewaltige Wasseroberfläche mit der wunderschönen Insel und den die Ufer umziehenden Anlagen hinauf zum Schloßberg blicken, wo das Schloß der alten Äbte und die spitzgetürmte Schloßkirche an vergangene Zeiten gemahnen. Auch der Stadtpark im südlichen Gelände des Chemnitzflusses ist ein prachtvolles Zeugnis gärtnerischer Kultur.

Das Chemnitz trotzdem nicht eine sogenannte „schöne“ Stadt ist, hängt mit der ungeheuer raschen Entwicklung und Steigerung der Einwohnerzahl zusammen, mit der eine Verschönerung nicht Schritt halten konnte. Das Nützlichkeitsprinzip herrschte und der Urgeschmack der siebziger, achtziger und neunziger Jahre tat das Übrige hinzu. Da ist man im letzten Jahrzehnt vor dem Kriege bestrebt gewesen, eine Reihe von Prachtbauten zu errichten, und auch jetzt tauchen verschiedentlich Projekte auf, die eine rege künstlerische Bautätigkeit erwarten lassen. Mit seinen 325.000 Einwohnern ist Chemnitz die größte Fabrikstadt unseres Vaterlandes geworden. Mächtige industrielle Werke tragen den Ruhm der Chemnitzer Arbeit in alle Welt hinaus. Dabei sind Eisen- und Textilbranche zu gleicher Weise beteiligt. Was wird nicht alles in Chemnitz hergestellt!

Für das geistige Rüstzeug der Stadt sorgen neben den üblich höheren Schulen und 33 Volks-, meist Doppelschulen, noch die staatliche Gewerbeakademie mit ihren Unterabteilungen, die öffentliche Handelslehranstalt, 8 Berufsschulen und Fachschulen für das Textilgewerbe. Ein dichtes Straßenbahnnetz durchzieht die Stadt und allerhand Behörden und Konsulate sorgen für Recht und Ordnung. Nicht weniger als 7 Tageszeitungen von allen Parteischattierungen werden in Chemnitz gedruckt. Auch für das leibliche Wohl wird gesorgt. Bade und Schwimmanstalten, zu denen sich hoffentlich recht bald das neue Stadtbad gesellt, Krankenhäuser und Sanatorien, ein wohlorganisierter Rettungsdienst mit Rettungswache betreuen die Gesundheit der Bewohner. Und wer dem Häusermeer entrinnen will, begibt sich in die nahen Waldanlagen des Küch- und Zeisigwaldes, wo er in wenigen Minuten dem Großstadttrubel entrückt ist. Wer von den Schönheiten unserer Gebirgsnatur mit offnen Augen trinken will, wird von der Eisenbahn in kürzester Zeit hinaufgeführt, wo Berg und Tal, Burg und Schloß, Dorf und Stadt, Wald und Wiese ihn alles Treiben der Großstadt vergessen machen. Die Chemnitzer stellen darum eine starke Mannschaft von Männlein und Weiblein, wenn man auf die Besucherzahl des Erzgebirges sieht. Chemnitz meine zweite Heimat! Hätt ich je gedacht, das du mir so lieb und traut werden könntest! Aber deine heimlichen Schönheiten erkennt man erst mit der Zeit, und wer den Sinn alles Seins zu erfassen sucht, wird Ehrfurcht empfinden vor einer Stadt, deren Wahlspruch ist: „Arbeit ist des Bürgers Zierde!“

Autor: Max Wenzel 1925

(Quelle: Glückauf! Zeitschrift des Erzgebirgsvereins- Heft 4/1925)