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Otto Riemann und die Fahrzeuglampen-Fabrik in Gablenz

    Fast auf den Tag vor 110 Jahren – genau am 30.11. 1912 – starb ein Bürger der Stadt, dessen Name in den Kreisen der Chemnitzer Industrie einen besonders guten Klang hatte: Herr Otto Riemann, Mitinhaber der Metallwarenfabrik Herm. Riemann. Mit seinem wirtschaftlichen Geschick führte er die Firma zu Weltgeltung.

    Ein Rückblick auf sein Leben und die wirtschaftliche Entwicklung der Familie und Firma Riemann, die als Spezialität ab 1887/1888 sämtliche Arten von Laternen und Zubehör für die Fahrrad-, Motorrad- und Automobilindustrie herstellte. Anfangs von bescheidenem Umfange, hatte sich die Firma unter der umsichtigen, geschäftstüchtigen Leitung ihres Gründers August Hermann und seiner beiden Söhne, Herm. Otto und Paul Riemann, zu einem in aller Welt hochgeachteten Unternehmen emporgearbeitet.

    1858 kommt die Witwe Friederike Riemann nach Chemnitz, an ihrer Seite u.a. die Söhne August Hermann (geb. am 7. April 1843) Julius Hermann und Julius B. Riemann. Am Antonplatz 12 fanden sie ihre erste und langjährige Bleibe.

    Mit einem Maler und Lackiergeschäft begann August Hermann Riemann 1866 in Chemnitz seine berufliche Entwicklung. Am 25. Januar 1866 kam Hermann Otto Riemann als erstes Kind von August Herm. Riemann zur Welt. 8 weitere Geschwister werden ihm noch folgen.

     

    Schon bald ergänzte der Bruder Julius Hermann das Unternehmen als Lackierer, ab 1871 war er auch im Haus Antonplatz 12 I selbständig. 1876 eröffnete er ein Geschäftslokal am Neustädter Markt 4, 1877 finden wir dann Julius B. Riemann im Haus Antonplatz 12 II als Maler und Lackiergeschäft. Im Jahr darauf übernahm dieser das Ladengeschäft Neustädter Markt 4, Bruder Julius Hermann zog 1878 mit einem neuen Geschäftslokal nach der Jakobstr. 20. 1878 firmierte Julius B. Riemann dann als Blechlackierergeschäft. Damit kamen die Brüder erstmals mit dem später wichtigsten Werkstoff in Berührung und sammelten Erfahrungen in der Metallverarbeitung.

    Ab 1878 -1900 ist August Hermann Riemann nicht mehr im Adressbuch zu finden. Sein Verbleib und Wohnort bis 1900 muss noch geklärt werden.

    1884 erweiterte Julius Hermann Riemann sein Geschäft, jetzt waren neben dem Lackiergeschäft Metallwaren hinzugekommen und er nannte sich auch Zünderfabrikant. 1885 zog er in größere Geschäftsräume in die Amalienstraße 22 I (heute: Tschaikowskistr.) in Leistner’s Fabrik um. Dort begannen die Riemanns Ende 1887 mit der Fahrradzubehörproduktion. Wohnsitz der Familie blieb weiterhin das Haus Antonplatz 12.

    erste bekannte Firmenansicht 1894

    Maßgebend für die Firmengeschichte wird die Radfahrordnung der Stadt Chemnitz sein, die am 25.November 1887 veröffentlicht wird. Dort wird in Paragraph 3 festgeschrieben: „Vom Beginn der Straßenbeleuchtung (Einbruch der Dunkelheit) an muß jedes sich auf der Straße bewegende Fahrrad mit einer Laterne beleuchtet sein. Die Laterne ist an der vorderen Seite des Fahrrades anzubringen und muß in ordnungsgemäßen Zustande und mit hell leuchtendem Licht versehen sein“… Diese war notwendig geworden, weil die Velocipedisten erste Probleme verursachten, in Form von Beschwerden von erbosten Mitbürgern und Unfällen. Die Stadt mußte handeln, immer diese Radfahrer…

    Die Familie nutzte diese Vorschrift ab sofort und wandte sich bald ausschließlich diesem Fabrikationszweig zu. Sie entwarfen ihre eigenen Fahrrad-Laternen und produzierten sie neben anderen wichtigen Fahrradzubehör, wie Klingeln, Hupen und Luftpumpen.

    1888 hatte auch Hermann Otto Riemann seine Ausbildung abgeschlossen, er bezog als Handlungsgehilfe ebenfalls 1892 Quartier am Antonplatz.

    Am 13. Januar 1892 wurde die neugegründete Firma „Herm. Riemann“ Metallwarenfabrik auf Folium 3647 ins Handelsregister eingetragen, Inhaber waren August Hermann und Julius Riemann. Noch im selben Jahr wurde das Geschäftslokal in der Amalienstraße von der Firma verlassen, und Hermann Otto Riemann als Prokurist in die Firma eingeführt. Otto Riemann fand in dieser Zeit auch das familiäre Glück, im März verlobte er sich mit Frl. Helene Fröbel, im September 1892 erfolgte die Trauung. Auch wurde für die junge Familie ein neues Heim gesucht und bezogen, neue Wohnadresse für die nächsten 5 Jahre wurde die Promenadenstraße 20 II, direkt am schönen Schloßteich.

    eine der ersten Firmenannoncen 1895

    Noch 1892 wird Julius Hermann Riemann die Firma „Herm. Riemann“ an Otto Riemann übergeben. Am Antonplatz werden die nächsten familiären Pläne geschmiedet und schon bald umgesetzt. Man erwirbt 1893 ein Grundstück auf der Gablenzer Höhe und beginnt die Fabrikanlagen für das zukünftige größere Fabrikareal zu planen. Ein zweistöckigen Gebäude nebst Heizhaus auf der noch zu Gablenz gehörigen Dietzelstraße 25 wird 1894 bezogen. Die Firma „Herm. Riemann“ wird zum 1. Januar 1895 auf Folium Gablenz 542 des Landbezirkes eingetragen. Die Kaufleute August Herrmann Riemann und Hermann Otto Riemann werden als Inhaber genannt. Die bisher im Handelsregister der Stadt Chemnitz eingetragene Firma wurde gleichzeitig gelöscht.

    In dieser Zeit beginnt der Firmeninhaber und Kaufmännische Leiter Otto Riemann einen großen Werbefeldzug. Er lässt für Händler Preislisten und Produktkataloge drucken, bald sind die Riemannschen Erzeugnisse deutschland- und europaweit bekannt. Ab 1895 wirbt er regelmäßig in verschiedenen Fachzeitschriften im In- und Ausland für seine „Spezial-Fabrik für Radsport-Artikel, Marke Germania“. Es ist zu Beginn des Jahres 1896 auch die erste Marke, die er als Warenzeichen eintragen lässt. Germania-Laternen gehören ab sofort zu den wichtigsten Produkten und werden als zuverlässigste und unentbehrlichste Ausrüstungsstücke für Radfahrer geschätzt. „Das Hauptprinzip der Firma Herm. Riemann, dem sie zum großen Teil ihren Erfolg verdankt, beruht auf der peinlichen Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt, mit der Ihre Lampenmodelle konstruiert sind und bis in die kleinsten Teile in solidester und zweckentsprechendster Weise hergestellt werden. Die Konstruktionen der Firma sind durchgehends durch Patente und Gebrauchsmuster – teilweise auch im Auslande – geschützt insbesondere sind auch die Formen und Lampen, die sich durch besondere Eleganz auszeichnen, vor Nachbildung geschützt.“ So beschreibt das Leipziger Tageblatt 1907 die Firma.

    Weitere Produktlinien ließ sich die Firma als Warenzeichen schützen (Einträge im Deutschen Warenregister, veröffentlicht im Reichsanzeiger)

    • 23.2.1897 – Continental-Laterne
    • 5.3.1897 – Koh-I-Noor
    • 3.1.1899 – Nordlicht
    • 20.1.1899 – Phänomen
    • 6.11.1900 – Fata Morgana
    • 9.8.1909 – den Firmennamen „Herm.Riemann“
    • 3.3.1914 – Eichblatt-Laterne
    • 8.6.1916 und 24.4.1918 – Germania


    Zu weiteren Fabrikaten der Fa. Riemann gehörten später auch Motorboot-Laternen, Benzinkerzen, Reflektoren und Scheinwerfer für Automobile, deren Herkunft man sich ebenso regelmäßig schützen ließ.

    Ausschnitt Stadtplan Chemnitz 1898

    Weiter geht es im 2. Teil Riemanns Erfolge

    (Quellen u.a. Adressbücher der Stadt Chemnitz und versch. Zeitungsartikel sächs. Blätter, zu finden unter SLUB-Dresden.de; Firmen- u. Warenzeicheneinträge aus dem Dt. Reichsanzeiger; Webseite sonnenberg-chemnitz.de mit den Veröffentlichungen der AG Sonnenberg des Geschichtsvereines Chemnitz e.V.; Zeitungsartikel und Annoncen versch. Radsportzeitschriften zu finden unter https://www.onb.ac.at u.a.)