Vom Rittergut zum Schmuckplatz: Die Verwandlung von Schloßchemnitz
Willkommen zu einem Streifzug durch die Geschichte eines der markantesten Orte im Stadtteil Schloßchemnitz. Der heutige Schloßplatz ist das Ergebnis einer faszinierenden Entwicklung, die vor über 300 Jahren als landwirtschaftliches Herzstück begann.
Die Wurzeln: Das Schloßvorwerk
Die Geschichte des Areals lässt sich bis ins Jahr 1702 zurückverfolgen, als der Kurfürst das zum Schloss gehörige Vorwerk an den ansässigen Amtshauptmann verkaufte. In der Folgezeit erhielt das Anwesen den Status eines Ritterguts, dessen Gerichtshoheit sich sogar auf die umliegenden Häuser der Schloßgasse erstreckte. Mitte des 19. Jahrhunderts setzte ein rasanter Wandel ein: 1856 wurde aus dem Vorwerk und der Schloßgasse die Gemeinde Schloßchemnitz gebildet.
Nach verschiedenen Eigentümerwechseln – darunter die „Actienlagerbierbrauerei zu Schloßchemnitz“ im Jahr 1857 – übernahm im Juli 1873 der Schloßchemnitzer Bauverein das Gelände. Ziel war die Parzellierung des Areals, um Platz für moderne Wohnquartiere zu schaffen. Nur am Rande sei erwähnt, dass ein Teil des Geländes 1883 an Bernhard Beyreuther (Besitzer u.a. des Apollo-Theaters) ging, der dort die Gaststätte „Miramar“ ins Leben rief.
Die ehemals bäuerlichen Anwesen entlang der alten Handelsstraßen, wie der Salzstraße und der Leipziger Straße, wurden durch gründerzeitliche Wohnquartiere ersetzt. Es entstanden Mietshäuser mit gehobener Ausstattung sowie etliche repräsentative Stadtvillen.
Ein grüner Mittelpunkt entsteht

Ab den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurde der Gartenkunst in Chemnitz eine höhere Wertschätzung zuteil, da sie als Mittel zur Verschönerung des Stadtbildes und zur Gesunderhaltung der Stadtbewohner angesehen wurde.
Im Februar 1899 richteten der bürgerliche Bezirksverein Chemnitz-Schloß und der Schloßchemnitzer Bauverein an den Rat ein Gesuch, in dem um Herstellung gärtnerischer Anlagen auf dem zwischen der Salzstraße und der verlängerten Ludwigstraße gelegenen sogenannten Schloßplatz gebeten wurde. Man bemängelte zudem: „daß die Unterbringung von Schutt und dergleichen auf diesem Platze nicht mehr zeitgemäß sei, da man dort mit üblen Gerüchen belästigt werde“.
Die Stadtverwaltung lehnte eine vollständige Umsetzung zunächst ab, da die Infrastruktur der umliegenden Straßen noch nicht fertiggestellt war. Es wurde jedoch ein kompromissbereiter Plan zur vorläufigen Gestaltung entwickelt. Nachdem der Rat mit dem Schloßchemnitzer Bauverein in Kontakt getreten war, stellte Letzterer einen anderen Platz für Ablagerungen bereit und stellte dem Rat 500 Mark in Aussicht, sofern der Platz mit Anlagen versehen würde. Zunächst wurde die Platzfläche eingeebnet und angesät. An der nordwestlichen und südwestlichen Seite waren Baumreihen vorgesehen. Der Kostenbeitrag des Schloßchemnitzer Bauvereins dazu wurde dankend angenommen.
Unter dem Stadtbaurat Eduard Hechler und dem erfahrenen Stadtgärtner Otto Werner nahm die Vision eines repräsentativen Platzes noch im selben Jahr Gestalt an. Werner wohnte ganz in der Nähe, so daß er die Zustände und Änderungen unmittelbar nachverfolgen konnte.
In den folgenden Jahren entstand das Wegenetz. Nach der finalen Bepflanzung im Frühjahr 1907 konnte die Anlage im Sommer desselben Jahres feierlich der Öffentlichkeit übergeben werden.
Werner entwarf den Schloßplatz als einen symmetrischen Schmuckplatz mit geometrisch geradlinigen Partien. Der Platz wurde strategisch als Mittelpunkt des Stadtteils geplant und liegt in der direkten Achse zwischen dem Schloßteich im Süden und dem Küchwald im Norden. Der östliche Anschluss war noch nicht erschlossen, aber ab hier durften vorerst keine klassischen Wohnkarrees mehr entstehen.
Im Nordosten wird er von der, nach eben jenem verdienstvollen Stadtrat und Oberbaurat Eduard Hechler, benannten Hechlerstraße begrenzt. Zur bleibenden Erinnerung an seine Verdienste um die Stadt Chemnitz, insbesondere um den Bau der Wasserversorgungsanlagen und die Verschönerung der Schloßteich– und Küchwaldanlagen, beschloss der Stadtrat im Jahr 1909, die vom Eishaus zur Küchwald-Ringstraße führende Straße nach ihm zu benennen. Im Südosten grenzt die nach ehemaligen Salzniederlagen benannten Salzstraße an die Platzanlage. Im Nordwesten führt die Ludwigstraße Richtung Küchwaldstraße. Sie hat Ihren Namen vom 1874 verstorbenen Grundbesitzer und verdienstvollen Bürger der Gemeinde Schloßchemnitz Carl Friedrich Ludwig bereits 1875 erhalten. Angrenzend finden wir noch die Lotharstraße, die ihren Namen vom römisch-deutschen Kaiser Lothar III. erhielt, der 1125 das ehemalige Benediktinerkloster auf dem Schloßberg gründete.
Architektonisches Highlight: Das Schloßpfarrhaus
Ein besonderer Blickfang direkt am Platz ist das Gebäude Schloßplatz 7. Das im Frühjahr 1905 begonnene Pfarr- und Gemeindehaus der Schloßgemeinde konnte bereits im Oktober bezogen werden. Mit seiner prächtigen, mit Sandstein verkleideten Vorderfront galt es schon damals als „Zierde des Schloßplatzes“. Obwohl es heute teilweise durch die Parkbepflanzung verdeckt wird, bildet es den baulichen Mittelpunkt dieser Anlage. Das Haus beherbergte, teilweise auch heute noch, im Erdgeschoß die Expeditionsräume für das Pfarramt, Amtswohnungen für den Pfarrer, die Diakonen und den Hausmann, im Seitengebäude wurden zwei Konfirmandensäle eingerichtet. Früher hatten auch noch der Jünglings- und Jungfrauenverein sowie der Singechor jeweils ein Zimmer für Ihre Übungen. Der Bauplatz kostete 13.500 Mark, die Baukosten betrugen ungefähr 100.000 Mark.
An den Rand geschaut
Kurz vor dem Ersten Weltkrieg entstand am Hang Richtung Küchwaldstraße die Kolonie „Waldfrieden“ als Kleingartenanlage. 1920 gründete sich daraus der Gartenbau-Verein „Waldfrieden“ in Chemnitz-Schloß. Dieser musste jedoch bereits Ende 1927 die Liquidation beantragen. Der Verein wurde 1927/1928 in den KGV „Am Frischborn“ (früher hieß er „Am Bismarkturm“) umgesiedelt. Ein Teil des Grundstücks musste den beginnenden Wohnbebauung am Kesselgarten weichen. Auf einem anderen Teil des verschiedenen Besitzern gehörigen Geländes befindet sich heute der 1948 gegründete Kleingartenverein Hechlerstraße.
Das unbekannte Schmuckstück
Er ist auf einigen Ansichten präsent, denn inmitten des grünen Rasenrondells stand ein vergessener Springbrunnen. Das kleine Meisterwerk wurde unstreitig nach Vorbildern des Klassizismus geschaffen. Die Schale oben fing einst den dünnen Wasserstrahl auf und wurde später mit Blumen bepflanzt. Um 1970 wurde er wie folgt beschrieben: „Seine Schmuckformen zeigen Akanthusblätter mit Rosetten, Ahornornamentik mit Löwenköpfen und eine Eierstabkante. Um den Block gruppieren sich Puttendreiergruppen mit losen Gewändern, von Rosen gehalten. Die darunter befindlichen Tritonenszenen sind leider stark beschädigt.“
Entstehung und Verbleib des Kunstwerks bleiben vorerst unbekannt; vielleicht können hierzu später Informationen eingearbeitet werden.
Der Schloßplatz am 18. Dezember 2025 – eigene Aufnahmen
Moritz Goldhaber, * 1911; † 2011
Auch eine bedeutende Persönlichkeit verbrachte einen Teil ihrer Jugend am Schlossplatz. Die Rede ist von Moritz Goldhaber (später Maurice Goldhaber, * 1911; † 2011), der vor allem als ehemaliger Schüler des heutigen Georgius-Agricola-Gymnasiums und als international renommierter Kernphysiker bekannt ist.
Seine Eltern zogen 1922 in die Ludwigstraße 49; daneben ließ der Vater, Chaim Goldhaber, ein jüdischer Kaufmann, 1923 eine Stadtvilla (Ludwigstraße 47) errichten. Moritz lebte und lernte dort, legte das Abitur ab und begann 1930 ein Studium in Berlin.
Im Jahr 1928 stand er dem Bildhauer Heinrich Brenner als Modell für eine von acht Jünglingsfiguren, die die Fassade des Gymnasiums schmückten. Auf Betreiben des damaligen Schulleiters wurden 1936 zwei dieser Figuren entfernt, darunter jene, für die Goldhaber Modell gestanden hatte. Grund hierfür war Goldhabers jüdische Herkunft. 1933 emigrierte die Familie und das Haus Ludwigstraße 47 wurde verkauft.
Nach jahrzehntelanger nur notdürftiger Pflege wurde der Schloßplatz in den Jahren 1993/1994 den Werner’s Originalplänen erneuert. 2025 erhielt die Parkanlage mit der Pflanzung junger Bäume eine Aufwertung.
Der Schloßplatz ist somit weit mehr als nur eine Grünfläche – er ist ein Zeugnis der Wandlung vom bäuerlichen Rittergut zum gehobenen bürgerlichen Wohnquartier der Gründerzeit. Auch wenn der Park heute etwas von seinem einstigen romantischen Reiz verloren hat, bleibt er ein zentraler Ankerpunkt in der Geschichte von Schloßchemnitz und prägt bis heute den Charakter des Viertels.
Quellen u.a.: Buch „Aus dem Stadtarchiv 5 – Städtische Grünanlagen in Chemnitz“ – 2001; Bericht der Verwaltung der Stadt Chemnitz 1906; Chemnitzer Kalender 2015 zum Thema Schloßchemnitz – vom Verlag Heimatland Sachsen; Chemnitzer Adressbücher und Beiträge in sächs. Tageszeitungen zu finden unter SLUB-Dresden.de.
Zu dem ein Dank an alle Chemnitzer Hobbyhistoriker für die Bereitstellung verschiedenster Materialien.