Die Öffentliche Handelslehranstalt zu Chemnitz, war über Jahrzehnte eine der zentralen Institutionen für die Ausbildung des kaufmännischen Nachwuchses und trug maßgeblich zum wirtschaftlichen Ansehen der aufstrebenden Industriestadt bei. Dieser Bericht zeichnet die Chronik der Anstalt nach: von ihrer Gründung über ihre entscheidenden Entwicklungsphasen bis hin zum Wandel ihrer Funktion und dem heutigen Erbe ihres historischen Gebäudes. Dieses zählt neben der ehemaligen Aktienspinnerei zu den ältesten im heutigen Stadtbild.
Gründung und frühe Jahre: Das Fundament des kaufmännischen Nachwuchses

Die Gründung der Handelslehranstalt im Jahr 1848 fiel in eine Epoche tiefgreifender wirtschaftlicher Veränderungen. Die fortschreitende Industrialisierung stellte an den Handel und die Fabrikation völlig neue Anforderungen, denen eine rein praktische Lehre nicht mehr gerecht werden konnte. Für eine pulsierende Wirtschaftsmetropole wie Chemnitz war die Etablierung einer spezialisierten Ausbildungsstätte, die theoretisches Wissen mit beruflicher Praxis verknüpfte, von existenzieller Bedeutung, um den wachsenden Bedarf an qualifizierten Kaufleuten zu decken.
Auf Initiative der „Genossenschaft des Fabrik- und Handelsstandes“ wurde die Öffentliche Handelslehranstalt im Januar 1848 mit zunächst 71 Schülern eröffnet. Ihr deklarierter Bildungsauftrag war, wie eine Quelle aus dem Jahr 1850 festhält, die „wissenschaftliche Ausbildung junger Leute, welche sich dem Handels- und Fabrikstande widmen“. Über einen dreijährigen Lehrgang sollte der Nachwuchs nicht nur eine erschöpfende Einführung in das werktätige Leben erhalten, sondern auch zu charaktervollen Staatsbürgern geformt werden – eine Mission, die der erste Schulvorstand unter dem Vorsitz von Subrector Caspari zu verantworten hatte.
Die ersten Domizile der Anstalt spiegelten ihre bescheidenen Anfänge wider. Zunächst war sie in einem Haus an der Ecke Theater-/Lohstraße untergebracht, bevor sie in Räumlichkeiten am Neumarkt 8 umzog. Bis 1869 stand dort der Schule jedoch lediglich die zweite Etage zur Verfügung, was zu äußerst beengten Verhältnissen führte. Bis 1879 nutzte man anschließend das Gebäude Äußere Klosterstraße 19.
Das stetige Wachstum der Schülerzahlen machte deutlich, dass diese provisorischen Lösungen dem Anspruch und der wachsenden Bedeutung der Anstalt bald nicht mehr genügen konnten.
Expansion und Etablierung: Ein eigenes Haus für eine wachsende Anstalt
Der Übergang von gemieteten Räumen in ein eigenes, repräsentatives Gebäude war ein entscheidender Meilenstein in der Geschichte der Handelslehranstalt.

Diese Expansion war nicht nur eine logistische Notwendigkeit, sondern auch ein strategischer Schritt, der das Renommee der Institution festigte, die Qualität der Ausbildung verbesserte und den bürgerlichen Stolz des Chemnitzer Kaufmannsstandes nach außen hin sichtbar machte.
Schon vor dem Neubau hatte die Anstalt wichtige organisatorische Erweiterungen erfahren, die ihre gestiegene Bedeutung unterstrichen. Bereits im Jahr 1855 wurde eine Höhere Abteilung eingerichtet, die als selbstständige Höhere Handelsschule neben der ursprünglichen Lehrlingsabteilung bestand. Ein weiterer Prestigegewinn folgte 1866, als die Höhere Abteilung das Recht erhielt, Zeugnisse für den einjährig-freiwilligen Militärdienst auszustellen – eine damals hoch angesehene Qualifikation.
Nach 30 Jahren des Bestehens wurde der Wunsch nach einem eigenen Domizil Wirklichkeit. Dank der Opferfreudigkeit der Chemnitzer Bürgerschaft, von Firmen, deren Nachwuchs an der Schule ausgebildet wurde, und der Unterstützung durch die Stadt wurde nach Plänen des Stadtbaurates Hugo Duderstaedt ein neues Schulgebäude in der Hedwigstraße 5 (später Hedwigstraße 10, seit 1937 An der Markthalle 10) errichtet. In unmittelbarer Nachbarschaft zum Hedwigbad erfolgte am 16. Juni 1878 die Grundsteinlegung. Am 6. Oktober 1879 konnte das für exakt 106.785 Mark fertiggestellte Gebäude feierlich seiner Bestimmung übergeben werden. Das Bauwerk selbst war ein architektonisches Zeugnis dieses bürgerlichen Selbstbewusstseins. Die große Aula mit ihren hohen Bogenfenstern war mit den Bildnissen von List, Büsch, Kolumbus, Arnoldi und Stephenson geschmückt. In den Nischen der Seitenwände wachten die vom Bildhauer Epler in Dresden geschaffenen Statuen von Merkur, dem Gott des Handels, und Minerva, der Göttin der Weisheit, über den Lehrbetrieb. Mit diesem repräsentativen Bau hatte sich die Anstalt am Ende des 19. Jahrhunderts fest in der Bildungslandschaft von Chemnitz etabliert – eine Entwicklung, die in den großen Jubiläumsfeiern ihre glanzvolle Würdigung finden sollte.
Blütezeit und gesellschaftliche Anerkennung: Die Jubiläumsfeiern
Die Jubiläen der Handelslehranstalt waren weit mehr als nur zeremonielle Festakte. Sie dienten als öffentliche Manifestation ihrer tiefen Verankerung in der städtischen Gesellschaft und demonstrierten die immense Wertschätzung, die ihr von führenden Vertretern aus Politik und Wirtschaft entgegengebracht wurde. In diesen Feiern spiegelte sich der Höhepunkt ihres Einflusses wider.

Bereits das 50-jährige Jubiläum 1898 wurde mit großem Aufwand begangen. Die Feierlichkeiten führten zu einer Reihe von Anerkennungen: Der verdiente Direktor, Professor Alschweig, wurde mit dem Ritterkreuz 1. Klasse des Albrechtsordens geehrt, acht Lehrer der Anstalt wurden zu Oberlehrern befördert, und die städtischen Kollegien stifteten 5.000 Mark zum Pensionsfonds der Anstaltslehrer. Zudem erhöhte die Stadt ihren jährlichen Zuschuss von 600 auf 2.000 Mark.
Noch eindrucksvoller gestaltete sich das 75-jährige Jubiläum im Januar 1923. „Trotz des Ernstes der schweren Gegenwart“ – inmitten von Hyperinflation, politischer Instabilität und der Ruhrbesetzung – wurde die Feier zu einer trotzigen Demonstration bürgerlichen Engagements für Bildung und wirtschaftlichen Wiederaufbau. Hochrangige Ehrengäste wie der sächsische Wirtschaftsminister Fellisch und der Chemnitzer Oberbürgermeister Dr. Hübschmann würdigten die Anstalt. Minister Fellischs Rede spiegelte die moralische Krise der Zeit wider, als er forderte, dass die Schule einen Kaufmannsstand hervorbringen müsse, der stark genug sei, „mit dem aufzuräumen, was sich heute zu Unrecht Kaufmann nennt“ – eine klare Abgrenzung zu den „Schmarotzern“, die den Ruf des Berufs in den Nachkriegsjahren beschädigt hatten. Die Spendenbereitschaft war überwältigend und offenbarte den Stolz der Ehemaligen: Der „Verein ehemaliger höherer Handelsschüler“ stiftete 300.000 Mark für ein Ferienheim, während die „Vereinigung ehemaliger Chemnitzer Handelsschüler (Lehrlings-Abteilung)“ eine eigene Jubiläumsstiftung in gleicher Höhe von 300.000 Mark überreichte. Bis zum Ende der Feierlichkeiten überstieg die Gesamtsumme die Marke von einer Million Mark. Als zukunftsweisende pädagogische Innovation wurden die „Wirtschaftlichen Hochschul-Vorträge“ ins Leben gerufen, um berufstätigen Kaufleuten und Führungskräften eine wissenschaftliche Weiterbildung zu ermöglichen. Es war ein bewegender Moment, als Oberstudiendirektor Dr. Würffel, ein Schüler des „alten Caspari“ – jenes Gründungsmitglieds von 1848 –, die Grüße der höheren Schulen überbrachte und damit eine Brücke über 75 Jahre Anstaltsgeschichte schlug.
Dieses Jubiläum markierte unzweifelhaft den Höhepunkt im Ansehen und in der Entwicklung der Anstalt. Gleichzeitig kündigten sich bereits die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche an, die das 20. Jahrhundert prägen und auch die Identität dieser Bildungseinrichtung nachhaltig verändern sollten.
Wandel im 20. Jahrhundert und das Erbe des Gebäudes
Die politischen Systemwechsel des 20. Jahrhunderts führten zu einem radikalen Wandel der Funktion und Trägerschaft der traditionsreichen Bildungseinrichtung. Ihre ursprüngliche Identität als bürgerlich getragene, kaufmännische Institution ging in den neuen staatlichen Strukturen verloren.
Während der NS-Zeit wurde der langjährige Trägerverein der Anstalt verboten. Die Trägerschaft ging auf die Wirtschaftskammer über, die Schule wurde in eine achtstufige grundständige „Wirtschaftsoberschule“ gewandelt und erhielt 1940 diese alleinige Bezeichnung. Auch Dolmetscherseminare in Englisch, Französisch, Italienisch und Russisch konnte man an der Schule belegen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Ausbildung noch bis 1947 möglich. Während der DDR-Zeit erlebte das historische Gebäude in der Hedwigstraße eine vielfältige und wechselhafte Umnutzung, die seine ursprüngliche Bestimmung in den Hintergrund treten ließ. In seinen Mauern waren über die Jahrzehnte hinweg die unterschiedlichsten Institutionen untergebracht:
- ab 1953 Goetheschule (Oberschule)
- Kinder- und Jugendsportschule (KJS) mit Spezialisierung auf Wintersportarten
- Domizil der Sektion Frauenturnen des SC Karl-Marx-Stadt
- Bezirkskabinett für Lehrerweiterbildung
- Fachschule für Kindergärtnerinnen „Jenny Marx“- als Nachfolger wurde 1991 die Fachschule für Sozialpädagogik gegründet
Nach der deutschen Wiedervereinigung stand das Gebäude längere Zeit leer und war dem Verfall preisgegeben. Erst eine umfassende Sanierung rettete die historische Bausubstanz und ließ das Haus in neuem Glanz erstrahlen. Heute dient das ehemalige Domizil der Handelslehranstalt als Standort des BSZ für Gesundheit und Soziales Chemnitz. Damit wird das Erbe des Lernens und Lehrens an diesem traditionsreichen Ort fortgeführt und einer neuen Generation zugänglich gemacht.
Quellen u.a.: Buch: „Festschrift zur Einweihung des neuen Rathauses“ 1911; Artikel aus dem Chemnitzer Tageblatt vom 30. Januar 1923; Adressbücher der Stadt Chemnitz und Beiträge in Chemn. Tageszeitungen zu finden unter SLUB-Dresden.de; Sammlung Chemnitzer Hobbyhistoriker