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Steigerwald & Kaiser

    Über fünf Jahrzehnte hinweg prägte es die Chemnitzer Innenstadt. Mit großzügigem kaufmännischem Geschick und unternehmerischem Weitblick bauten zwei Unternehmer ein deutschlandweit agierendes Unternehmen auf, das sich auch in Chemnitz einen guten Namen machte.

    Eröffnungsanzeige vom 13. September 1895 aus dem Chemnitzer Tageblatt

    Die Geschichte der Firma Steigerwald & Kaiser nahm am 12. Februar 1885 ihren Anfang, als die beiden jungen Kaufleute Carl Kaiser und Wilhelm Steigerwald das Unternehmen mit bescheidenen Mitteln in Leipzig gründeten. Carl Kaiser, am 14. April 1859 im Spessart als Bauernsohn geboren, hatte seine kaufmännische Lehre beim Vater seines späteren Sozius absolviert. Das erste Geschäft befand sich in der Leipziger Promenadenstraße 2. Begünstigt durch den wirtschaftlichen Aufstieg Deutschlands und die rasche Entwicklung der Großstadt Leipzig wuchs der Umsatz stetig an, sodass bereits nach vier Jahren eine räumliche Erweiterung notwendig wurde. Am 7. Oktober 1889 bezog das Geschäft neue Räumlichkeiten an der Ecke Königsplatz 1 und Roßplatz, welches fortan als Hauptgeschäft und Zentrale der Firma in Leipzig diente.

    In den folgenden Jahren expandierte das Unternehmen zügig in weitere Großstädte. So wurde 1894 eine Filiale in Frankfurt am Main gegründet, gefolgt von weiteren Zweiggeschäften in Magdeburg und Chemnitz im Jahr 1895 sowie einer Niederlassung in Dresden im Jahr 1897. Durch das Prinzip, in einfach ausgestatteten Geschäftsräumen hervorragende und solide Waren zu niedrigen Preisen anzubieten, erarbeitete sich das Haus eine stadtbekannte Preiswürdigkeit und entwickelte sich zum größten Manufaktur- und Modewarenhaus des Königreichs und der Provinz Sachsen. Zum Portfolio gehörten Damen- Herren- und Kinderkonfektion, Seiden- und Wollstoffe, Wäsche- und Aussteuerartikel sowie Gardinen und Bettstellen.

    In Chemnitz finden wir die Firma ab dem 14. September 1895 im Eckhaus Innere Klosterstraße 23 – Theaterstraße gleich vis-a-vis dem Stadttheater. Die Geschäftsräume befanden sich in den angemieteten Räumen des Erd- und 1. Obergeschosses des Geschäftshauses des Kaufmanns Friedrich Otto Kunze. Am 17. August des Jahres war sie unter Folium 4076 als Zweigniederlassung des Leipziger Hauptgeschäftes ins Handelsregister des Königreiches Sachsen eingetragen worden.

    Werbung aus dem Führer durch Chemnitz 1913/14

    Die Firma in Chemnitz entwickelte sich schnell zu einem der führenden Verkaufshäuser der Branche, neben bekannten Modehäusern wie Schellenberger am Johannisplatz, Modehaus Königsfeld und Fa. Schlesinger in der Königstraße und die Gebrüder Wertheimer am Holzmarkt/Poststraße. Die Firma hatte es sich zum Prinzip gemacht, nur wirklich hervorragende und solide Waren zu denkbar niedrigen Preisen zu verkaufen. Langjährige Beziehungen der Firma zu nur ersten Fabriken und Webereien des In- und Auslandes sicherten Ihnen die allergrößten Einkaufsvorteile. Diesem Umstand verdankte Steigerwald & Kaiser seine Bedeutung und das stetige Wachstum seiner Kundschaft.

    Am 24. Februar 1908 vergrößerte sich das Leipziger Unternehmen weiter durch den Kauf des seit 35 Jahren bestehenden, weltbekannten Dresdner Modewaren-Kaufhauses von Siegfried Schlesinger am Altmarkt für über eine Million Mark. Zu dieser Zeit waren die Inhaber auch an anderen Häusern beteiligt: Wilhelm Steigerwald als Teilhaber der Aussteuergeschäfte Adolf Axien sowie Meißner & Sohn in Hamburg und Karl Kaiser als Kommanditist der Kölner Firma Franz Bergmann & Co.

    Gleichzeitig wurde in Chemnitz nach neuen, größeren und passenden Verkaufsräumen gesucht. Da kam dem Unternehmen der Umstand entgegen, dass ein neues, mehrstöckiges Geschäftshaus an der Ecke des Marktes zum Marktgässchen zur Vermietung stand. Die Erben der Familie Keller hatten das alte Gebäude abreißen lassen und 1907 ein sehenswertes, dem Zeitgeist entsprechendes Haus errichten lassen. Dabei hatten sie bereits einen Mieter gefunden: die neu gegründete Firma „Grünberg & Co. – Manufakturwarengeschäft“. Die Kaufleute Oskar, Emil und Emma verw. Grünberg, damals noch in Dortmund ansässig, nach ihrem Umzug nach Chemnitz wohnhaft in der Weststraße 42, hatten sich jedoch dabei finanziell übernommen. Bereits am 6. Mai 1908 wurde die Firma „Grünberg & Co.“ wieder aus dem Handelsregister gelöscht. So schnell wie sie gekommen waren, verschwanden sie wieder aus Chemnitz.

    So finden wir ab 1908 die Firma Steigerwald & Kaiser als Mieter nun in exponierter Lage am Markt und dem stark frequentierten Marktgässchen.

    Anlässlich des 25-jährigen Geschäftsjubiläums am 12. Februar 1910 beschäftigte das Unternehmen insgesamt 1.476 Angestellte an seinen verschiedenen Standorten: Über 800 Köpfe kaufmännisches Personal, 118 Mitarbeiter in Frankfurt a. M., 206 in Magdeburg, 68 in Chemnitz sowie 45 in der ersten Dresdner Filiale und 150 im übernommenen Haus Schlesinger. Die schwierigen Zeiten des Ersten Weltkriegs konnten überstanden werden.

    Einen tiefgreifenden Einschnitt brachte das Jahr 1919 mit sich, als der Mitbegründer Kommerzienrat Wilhelm Steigerwald am 16. Mai verstarb. In der Folge wurde die Chemnitzer Filiale aus der Leipziger Zentrale ausgegliedert und als selbstständige offene Handelsgesellschaft fortgeführt. Anstelle des Verstorbenen trat Frau Johanna Pirsch, geb. Steigerwald, als persönlich haftende, jedoch von der Vertretung ausgeschlossene Gesellschafterin ein, während dem Leipziger Kaufmann Julius Rudolf Küfer Einzelprokura sowie Max Gombert und Albert Wulf in Chemnitz Gesamtprokura erteilt wurde. Im Zuge der anschließenden Neuordnung übernahmen die Steigerwald’schen Erben das Frankfurter Haus, während das Leipziger Stammhaus sowie die Zweiggeschäfte in Magdeburg und Chemnitz in den alleinigen Besitz von Kommerzienrat Carl Kaiser übergingen.

    Carl Kaiser erwarb das Gebäude schließlich 1921 selbst und steuerte das Unternehmen mit fester Hand durch die schwierigen Jahre der Nachkriegszeit und der Inflation. Sehenswert und vielmals beworben waren die üppigen Schaufensterdekorationen der Firma, mit der sie die Passanten anlockte. Besonders zur Weihnachtszeit war das Gedränge an den bis zu 22 Schaufenstern zeitweilig beängstigend, wenn die Firma in hell erleuchteten Schaufenster Märchenszenen nachstellte und all die schönen Sachen für Groß und Klein zeigte. Zeitweise mietete sich man gegenüber in Marktgässchen Nr. 2 ein und präsentierte in der Ausstellungshalle die letzten Neuheiten in Kleider- und Seidenstoffen, sowie aktueller Damen- und Herrenmode. Auch nutzte die Firma alle Möglichkeiten der Werbung aus. Regelmäßig erschienen Verkaufsprospekte und lagen Tageszeitungen bei, für Kinder gab es spezielle Sonderdrucke.

    Zum 50-jährigen Firmenjubiläum am 12. Februar 1935 zählte die Gefolgschaft des Unternehmens rund 600 Mitarbeiter. Zu diesem Zeitpunkt leitete Carl Kaiser das Haus bereits gemeinsam mit seinem einzigen Sohn Hellmuth Kaiser, der als Nachfolger berufen war. Anlässlich des 80. Geburtstags von Carl Kaiser am 14. April 1939 wurde der Senior-Betriebsführer und Kommerzienrat nochmals als prägende Persönlichkeit gewürdigt, der aus kleinsten Anfängen ein imperiales Textil- und Modewarenhaus mit stattlichen Geschäftshäusern in Leipzig, Magdeburg, Frankfurt, Chemnitz und Dresden geschaffen hatte.

    In den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs wurde das Sortiment eingeschränkt, lediglich Damen- und Mädchenbekleidung wurde jetzt noch angeboten.1944 folgte die Betriebsstillegung.  Am 15. Februar 1945 starb Carl Kaiser an einer akuten Erkrankung auf seinem Gehöft in der Nähe von Leipzig. Das Geschäftshaus am Marktgässchen überstand den Bombenhagel in den Märztagen 1945 nicht, es wurde vollständig zerstört.

    Die Firma selbst setzte ihrer Geschäftstätigkeit im kleineren Maßstab nach 1945 in Chemnitz fort. Sie fand zunächst neue Geschäftsräume in der Straße der Nationen 56-58. 1952 wurde das Vermögen der Firma Steigerwald & Kaiser vom Rat der Stadt Karl-Marx-Stadt eingezogen, das Ende in Chemnitz.

    Quellen: Zeitungsausschnitte versch. sächsischer Tageszeitungen, zu finden unter SLUB-Dresden.de; Buch „Chemnitz am Ende des 19. Jahrhunderts“, „Führer durch Chemnitz 1913/1914“, herausgegeben vom Verein für Fremdenverkehr; Bilder aus der Sammlung Chemnitzer Hobbyhistoriker; u.a.